70 Jahre Kriegsende in Europa – Gedenken an die „Stunde Null“ am 8. Mai 1945

Blick auf das vom Krieg zerstörte Kassel / links im Bild die Martinskirche / rechts der Druselturm. (Quelle: Stadtarchiv Kassel, 0.004.111)

 

Einmarsch US-amerikanischer Soldaten in Kassel / Wilhelmshöher Allee / April 1945 

(Quelle: Stadtarchiv Kassel, E 1 P nach 1945)

 

Am kommenden Freitag jährt sich zum 70. Male der Tag, der in Europa das Ende des Zweiten Weltkrieges und das Ende der verbrecherischen NS-Diktatur besiegelte und als „Stunde Null“ der deutschen und letztlich auch europäischen Geschichte für den Neuanfang nach 12 Jahren Terrorherrschaft, Krieg und Holocaust steht.

 

So wie die ideologischen Wurzeln der NS-Diktatur lange vor Hitler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu finden sind, so reicht der Schatten der Nazi-Verbrechen bis in unsere Gegenwart hinein und fordert immer wieder dazu auf, sich „gegen Vergessen“ und „für Demokratie“ zu engagieren, weil der Wert der Toleranz täglich neu errungen werden muss. Der Blick schon auf nur EINEN jener zahlreichen Begriffe, die den öffentlichen Diskurs der letzten Zeit bestimmen, zeigt, wie dringend notwendig dies ist: „PEGIDA”.

 

Woher kommt die Angst vor dem Fremden, die Angst vor dem Verlust sozialer Sicherheit  - die Angst vor jenen, die sich nach der Flucht vor Terror und Bürgerkrieg aus Syrien, aus dem Nordirak für sich und ihre Familien ein kleines Stück Sicherheit in unserem Land wünschen? Haben wir vergessen, dass auch fast 14 Millionen Deutsche vor 70 Jahren ein ähnliches Schicksal erleiden mussten?

 

So kann der – sachliche – Blick zurück in diesen Tagen vielleicht bei dem einen oder anderen auch die Sensibilität für die Probleme und Entwicklungen der Gegenwart schärfen und angesichts fast schon zum Alltag gehörender Übergriffe und Brandanschläge auf Asylunterkünfte mehr demokratischen Widerstand auslösen, als er sich über jene fast floskelhaften Betroffenheitsbekundungen manifestiert, wenn wieder eine Asylunterkunft angegriffen wurde.

 

Wenn wir uns dieser Tage erinnern, so geht es aber nicht darum, „betroffen” zu sein oder „bewegt” oder gar Schuld zu empfinden – das kann niemals die Intention oder gar das Ziel des historischen Erinnerns sein, weil es auch zwangsläufig jenen häufigen Reflex verstärkt, ob man denn „endlich mal mit diesem Teil der Geschichte“ abschließen könne. Vielmehr soll das Erinnern auf die Frage gerichtet sein: “Wie konnte es dazu kommen?” und “Wie kann verhindert werden, dass sich so etwas wiederholt?”

 

Als einen Teil des Erinnerns hat die Werkstatt Geschichte der Albert-Schweitzer-Schule Kassel einen kleinen Beitrag verfasst, der den Blick auch auf die Geschichte unserer Schule in den Wirren des Zweiten Weltkrieges richtet. Der Beitrag beantwortet bewusst nicht die Frage nach Ursachen, sondern öffnet lediglich ein Fenster in die Geschichte.

 

Der Artikel ist hier im Anschluss eingestellt. Zudem befindet sich ein Zeitzeugenbericht unseres ehemaligen stellvertretenden Schulleiters, Hans Weckesser, der das Kriegsende und den Neuanfang als Schüler unserer Schule damals miterlebt hat, auf der Homepage der ASS.

 

(Werkstatt Geschichte der Albert-Schweitzer-Schule Kassel / Markus Rose & Johannes Palmié)

 

Das historische Datum

 

8. Mai 2015

 

- Ende des 2. Weltkrieges in Europa vor 70 Jahren

Stunde der Befreiung und des Neuanfangs –

 

„Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mußten. […]  Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewußt erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, daß Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren.

 

Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

 

(Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei der Gedenkveranstaltung im Plenarsaal des Deutschen Bundestages zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa am 8. Mai 1985 in Bonn)

 

Wir gedenken dieser Tage des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa vor 70 Jahren – der Krieg in Asien dauerte indes noch bis zum 2. September an – und wir „Nachgeborenen“, die diesen Krieg und das, was er für die Menschen bedeutete, nur aus wissenschaftlicher Betätigung, dem eigenen Schulunterricht oder zahllosen Fernsehdokumentationen aus großer zeitlicher Distanz heraus kennen oder zu „kennen“ meinen, tun dies in großer Selbstverständlichkeit im Geiste jener Worte des Altbundespräsidenten von Weizsäcker und blicken zurück auf den 8. Mai nicht als einen Tag der Niederlage, sondern auf einen Tag, an dem wir Deutsche wahrlich „befreit“ wurden von einem verbrecherischen System, dessen Wahn von der Überlegenheit des „arisch-germanischen Herrenmenschen“ einen Vernichtungskrieg entfesselt hat, an dessen Ende mehr als 50 Millionen Tote stehen.

 

In einer Zeit, die aktuell beherrscht ist von schweren militärischen Konflikten und in der Millionen Menschen vor Krieg und Zerstörung aus ihren Heimatländern flüchten müssen, Bewegungen wie „PEGIDA“ fremdenfeindliche Ressentiments und Ängste vor Überfremdung schüren und Angriffe auf Asylunterkünfte sich häufen, ist der Appell am Ende der Rede von Weizsäckers, Rassismus und Nationalismus entschieden entgegenzutreten,  aktueller denn je – so schließt er mit der „Bitte an die jungen Menschen“:

 

„Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.  […] Ehren wir die Freiheit. Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht.“

 

Mit diesem 8. Mai sind wir auch als Albert-Schweitzer-Schule in ganz besonderer Weise verbunden: Unsere Schule, die bis 1938 den Namen „Realgymnasium I“ trug, bewohnte seit Sommer 1911 ein großes Schulgebäude an der Wilhelmshöher Allee, von der Stadt eigens für das RG I in wenigen Jahren Bauzeit errichtet. Während der alliierten Bombenangriffe auf Kassel – der verheerendste am 22. Oktober 1943 – wurde dieses Gebäude so weitgehend zerstört, dass dort kein Unterricht mehr möglich war. Die noch intakten Teile des Gebäudes dienten als Übergangsquartier für „Ausgebombte und italienische Hilfsarbeiter“, wie das Jahrbuch der Schule 1959 bemerkt.

 

Vor der Zerstörung im Herbst 1943 waren jene Teile der Schulgemeinde – die Schule trug bereits seit 1938 den Namen „Paul-von-Hindenburg-Schule“ -, die nicht im Weltkrieg kämpften, nicht unberührt geblieben vom Krieg. So berichtet der ehemalige Schüler und spätere stellvertretende Schulleiter der Albert-Schweitzer-Schule, Hans Weckesser, im Jahrbuch 1994 rückblickend:

 

 

„Zum Schulalltag gehörten auch Luftschutzübungen. Für uns ältere (15-jährige) Schüler gehörte dazu die Verpflichtung, in regelmäßigen Abständen eine Brandwache zu übernehmen. Jeweils vier Schüler und ein Lehrer übernachteten im Schulgebäude, einsatzbereit für den Fall, daß bei einem möglichen Luftangriff ‚ein paar‘ Brandbomben auch das Schulgebäude treffen sollten. […] Meine letzte Brandwache dieser Art war Mitte Oktober 1943. […] Wenige Tage später sank das Schulgebäude in Schutt und Asche […]. Kein Klassenraum blieb mehr bestehen. Die Brandwache jener Nacht hatte nicht die geringste Chance.“

 

 

Nach der Zerstörung des Schulgebäudes im Herbst 1943 wurde die Schulgemeinde schließlich ausquartiert in Notunterkünfte etwa in Bad Wildungen und in der Ortschaft Damm in der Nähe von Marburg, bis schließlich 1945 ein für „unsere“ Schulgemeinde errichtetes Barackenlager in Gemünden an der Wohra bezogen werden konnte. Hans Weckesser schildert im Schuljahrbuch 1994 eindrucksvoll Lagerleben und Unterrichtsrealität jener Zeit, die er als junger Schüler im Lager Damm miterlebt hat. Der Bericht ist in Auszügen eingestellt auf der Homepage der Schule unter: 70. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 2015.

 

Als im Frühjahr 1945 schließlich die US-Armee heranrückte, „setzten sich die Klassen auf Befehl der Parteidienststellen bis nach St. Andreasberg im Harz ab“, wie eine kurze Chronik der Schule aus den 1950er Jahren vermerkt. Karl-Heinz Krause (Jahrgang 1932), später evangelischer Pfarrer, hat als Schüler unserer Schule diese „Flucht“ miterlebt und vor wenigen Jahren in einem längeren Zeitzeugenbericht festgehalten, der nachzulesen ist bei Heinz Vonjahr in einer umfangreichen Arbeit zur „Kinderlandverschickung Kasseler Schulen 1943-1945“ (Kassel 2004 im Verlag Winfried Jenior).

 

Am Ende des Krieges ist unsere Schule heimatlos, das Schulhaus zerstört und die „Zahl der Gefallenen [Schüler und Lehrer] bis heute auch nicht annähernd festzustellen“, wie die Schulchronik 1958 konstatiert. So führt der Weg der Schule schließlich 1945 in das noch heute genutzte, 1896-1898 errichtete, Gebäude in der Kölnischen Straße 89. Bis Kriegsende befand sich hier die Oberrealschule I, die im Dritten Reich dann „Adolf-Hitler-Schule“ hieß und durch die US-Besatzungsbehörden aufgelöst wurde. Das Gebäude hatte zwar erhebliche Kriegsschäden erlitten, war aber in seiner Substanz erhalten geblieben, so dass hier zunächst Geschäftsstellen mehrerer Kasseler Schulen untergebracht waren – so auch eine unseres „Realgymnasiums“.

 

Im Herbst 1945 hatte die Militärregierung schließlich einen provisorischen „Betreuungsunterricht“ gestattet, mit dem das Schulleben unseres Gymnasiums in der Nachkriegszeit im eigentlichen Sinne wieder von Neuem begann, doch ist hier anzumerken, dass  mitnichten von einem „normalen“ Unterrichtsalltag gesprochen werden kann. Vielmehr steht der Wiederaufbau der Schule ganz im Vordergrund, an dem sich zahlreiche Lehrer wie Schüler im sogenannten „Arbeitseinsatz“ über Monate beteiligen müssen.

 

Erhaltene „Arbeitsbücher“ aus jenen Monaten nach Kriegsende 1945 lassen in den zahlreichen, sehr identischen Eintragungen erahnen, wie mühevoll dieser Wiederaufbau gewesen sein muss, wenn wir dort etwa lesen „6 Stunden Schutt geräumt, anschließend gemeinsames Mittagessen mit den Schülern, danach weiter Schutt geräumt.“ Dieser Arbeitseinsatz war gleichwohl keine freiwillige Angelegenheit, sondern verpflichtend und für die Angehörigen der Schüler auch keineswegs immer unproblematisch. In einer Zeit der Not, des Mangels und des Wiederaufbaus wurden die Kinder häufig auch in den elterlichen Betrieben dringend benötigt, so dass um Freistellung vom Arbeitseinsatz ersucht werden musste, wie uns zahlreiche im Archiv der Schule erhaltene Freistellungsanträge zeigen.

 

 

 

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Der Wiederaufbau der Schule sollte sich noch bis Mitte der 1950er Jahre hinziehen, doch beginnt im Verlaufe des Jahres 1946 bereits wieder so etwas wie geregelter Unterricht, anfangs mit 300 Schülern in der Schule, die nun den Namen „Realgymnasium Kölnische Straße“ trägt. 1947 findet zu Ostern die erste Abiturprüfung nach dem Weltkrieg statt.

 

70 Jahre sind nun seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen und wenn wir mit dem Gedenken am 8. Mai Kriegsende, Befreiung von einer verbrecherischen Diktatur und die „Stunde Null“ als historische Chiffre des Neuanfangs verbinden, so ist dies in gewisser Weise auch „unser“ Neuanfang als Realgymnasium und spätere Albert-Schweitzer-Schule, die wir uns in diesem Jahr 2015 im nunmehr 70. Jahre in unserem schulischen Zuhause in der Kölnischen Straße 89 befinden und auf unser 150jähriges Bestehen als Schule im Jahre 2019 vorausblicken.

 

(Werkstatt Geschichte der ASS/Markus Rose & Johannes Palmié)

(Bildquellen: Archiv der ASS/Bestand RG I)



 

 

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