70. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 2015

Werkstatt Geschichte / Archiv

Hans Weckesser, „Erinnerungen an eine Schule“

 

Auszug aus dem Jahrbuch 1994 der Albert-Schweitzer-Schule Kassel.

Hans Weckesser war zwischen 1971 und 1993 stellvertretender Schulleiter der Albert-Schweitzer-Schule Kassel.

 

„[…] Meine frühesten Erinnerungen an unsere Schule reichen zurück in den Sommer des Jahres 1943. Die Schule hieß noch Paul-von-Hindenburg-Schule, Städtische Oberschule für Jungen. Das Schulgebäude in der Wilhelmshöher Allee – auf dem Grundstück der heutigen Jacob-Grimm-Schule – war (mit geringfügigen Kriegsschäden) noch intakt. Klassen- und Fachräume waren unversehrt.

Ich gehörte dieser Schule seit wenigen Monaten an als Schüler einer Obertertia, Jahrgangsstufe 5 nach damaliger, Jahrgangsstufe 9 nach heutiger Zählung. Schüler der obersten Jahrgangsstufen suchte man vergebens. Es war Krieg, Oberstufenschüler (nach heutiger Bezeichnung) gehörten schon der Wehrmacht an. Während in der Schülerschaft die älteren Jahrgänge fehlten, vermißte man (aus denselben Gründen) unter den Lehrern die jüngeren. Dafür taten einige Pensionäre wieder Dienst.

Für uns und die jüngeren Jahrgänge hatte der Unterricht infolge des Krieges bis dahin keine erheblichen Einschränkungen erfahren. Die für eine Klasse 5 vorgeschriebenen Fächer wurden alle erteilt: Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Kunsterziehung, Musik, Englisch, Latein, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Sport. Der Sport nahm mit 5 Wochenstunden im Fächerkanon eine Vorrangstellung ein und hieß damals Leibeserziehung. Auf den Zeugnisformularen waren 5 Einzeldisziplinen vorgesehen: Leichtathletik, Turnen, Schwimmen, Spiele und Boxen. An einen Schwimmunterricht kann ich mich nicht mehr erinnern, wohl aber an das Boxen, bei dem ich stets zweiter Sieger blieb. Englisch und Latein waren 1. Und 2. Fremdsprache (obligatorisch), Wahlmöglichkeiten gab es nicht. Für die handschriftlichen Texte waren zwei Schriftarten vorgesehen: „lateinische“ Schrift (mit der heutigen Normalschrift vergleichbar) für den fremdsprachlichen Text und „deutsche“ Schrift (Sütterlinschrift) für die deutschen Übersetzungen. Sütterlinschrift war auch in allen anderen Fächern üblich. An Arbeitsgemeinschaften (außer Chor und Orchester) kann ich mich kaum erinnern.

Viel angenehme Abwechslung im Schulalltag gab es ohnehin nicht. Die gelegentlich feierlichen Veranstaltungen in der Aula waren wenig erbaulich, bestenfalls (für uns Schüler) eine willkommene Unterbrechung des Unterrichts. Das Betreten der Aula war dabei fast ein Ritual. Man kam dort nicht einfach zusammen, wir wurden hineingeführt, in geordneter Formation, zu vorgesehenen Plätzen.

Zum Schulalltag gehörten auch Luftschutzübungen. Für uns ältere (15-jährige) Schüler gehörte dazu die Verpflichtung, in regelmäßigen Abständen eine Brandwache zu übernehmen. Jeweils vier Schüler und ein Lehrer übernachteten im Schulgebäude, einsatzbereit für den Fall, daß bei einem Bombenangriff ‚ein paar‘ Brandbomben auch das Schulgebäude treffen sollten. Wir Schüler nutzten solche Abende, um uns im Schulgebäude gründlich umzusehen, vor allem dort, wo man sich sonst nicht blicken lassen durfte. Meine letzte Brandwache dieser Art war Mitte Oktober 1943.

Nach der Versetzung in die Klasse 6 (Untersekunda) im Herbst stand ein neues Fach im Stundenplan: Französisch (3. Fremdsprache). An einen der ersten und leider auch letzten Sätze aus diesem Unterricht erinnere ich mich noch gut, weil er nachträglich wie eine Ironie des Schicksals klang: ‚Nous sommes dans la classe.‘ Wenige Tager später sank das Schulgebäude in Schutt und Asche (am 22. Oktober 1943). Kein Klassenraum blieb mehr bestehen. Die Brandwache jener Nacht hatte nicht die geringste Chance.

Frühjahr 1944: Die vier ältesten (noch vorhandenen) Schuljahrgänge ‚bewohnten‘ seit Dezember mit ihren Lehrern das KLV-Lager (Kinder-Landverschickungs-Lager) Damm bei Marburg. Das Lager lag weit außerhalb des Dorfes an einem Waldrand, ein Barackenlager, allerdings mit Bahnstation. Die Unterkünfte waren spartanisch eingerichtet: Feldbetten, Spinde, Tische, Stühle und ein Ofen. Wir waren noch jung genug, dem Lagerleben etwas Romantik abzugewinnen. Doch machten sich Unbequemlichkeiten zunehmend bemerkbar: Da das Brennmaterial knapp war, wurde es nicht recht gemütlich in den Baracken. Die außerschulische Leitung des Lagers wurde von der Hitlerjugend beansprucht. Entsprechend war der Tagesplan gestaltet, vom Fahnenappell am Morgen bis zum Fahnenappell am Abend.

Unterricht fand zwar regelmäßig vormittags in einem der Barackenlager statt, aber schon mit erheblichen Einschränkungen. Für die Fächer Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Mathematik waren diese weniger einschneidend, eher schon für die Naturwissenschaften. Letztere wurden zwar alle unterrichtet, es gab aber keine Fachräume, folglich auch keinen Experimentalunterricht. Kunsterziehung fehlte als Fach. Der Musikunterricht beschränkte sich im wesentlichen auf das Einüben von Liedern. Von den Fremdsprachen war nur das Fach Latein geblieben. Der Sport fand außerhalb der Unterrichtszeit statt, häufig in Form von Geländeübungen verschiedener Art, im Zeugnis als Leichtathletik ausgewiesen.

Die Zeit zur Erledigung der Hausaufgaben war knapp bemessen, so auch jede Art von eigener Freizeitgestaltung. Zu einem individuellen Spaziergang hatte man Gelegenheit, wenn man sich zum Friseurbesuch beurlauben ließ: Der Weg zum nächsten Friseur war ein paar Kilometer weit. Leider hatte der Friseur Anweisungen, wie die Haare zu schneiden waren. Wollten man einen ganzen Vormittag für sich haben, mußte man sich etwas Besonderes einfallen lassen, z.B. Zahnschmerzen. Dann durfte man nach Marburg fahren zur Zahnklinik; und wenn man dort spät genug eintraf, erhielt man nur einen neuen Termin – dankenswerterweise.

Zu den Eltern nach Hause durften wir Schüler nur in den Schulferien. Selbst dazu gab es für meinen Jahrgang nicht viel Gelegenheit. Die Älteren aus meiner Klasse, die 16-jährigen, wurden schon im Frühjahr als Luftwaffenhelfer eingezogen, ein paar Monate später war auch ich an der Reihe.

Wenn man heute vom Parkplatz hinter dem Herkules den Weg in Richtung Elfbuchen einschlägt, sieht man linker Hand, unterhalb der Domäne Sichelbach, eine Viehweide. Nicht viele wissen, daß auf diesem Gelände einmal Schulunterricht stattfand, Unterricht für Schüler unserer Schule. Die Löcher und Wälle, die man dort erkennt, sind Spuren einer Flakstellung (1) aus dem zweiten Weltkrieg.

Im Sommer und Herbst 1944 gehörten Schüler meiner Jahrgangsstufe als Luftwaffenhelfer der dort stationierten Flakbatterie an. Wir leisteten Militärdienst, waren aber auch noch Schüler. Für den Unterricht blieben ein paar Stunden des Vormittags im Dienstplan vorgesehen. Dazu kam jeweils einer der Lehrer zu uns in die Batterie. Der Unterricht deckte höchstens die Hauptfächer ab, viel Neues zu lernen war kaum möglich. Der Unterricht war eher geeignet, das bisher Gelernte nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen. Nach mehrfachen stundenlangen Feuerbereitschaften im Verlauf der Nacht schwand die Fähigkeit, einem normalen Unterricht mit der nötigen Konzentration Folge zu leisten. Der Unterricht fiel häufig aus. Wenig verbindlich blieb er ohnehin, es gab keine Hausaufgaben, keine Klausuren, keine Zensuren, keine Zeugnisse.

Selbst die bescheidenen Bemühungen, Schule fortzuführen, erreichten nicht mehr das Ende des Jahres. Die Kriegsereignisse brachten für lange Zeit das Aus für jegliche Art von Schulunterricht.

Im Oktober 1945 fanden wir wieder zusammen. Wir, das waren etwa 20 Schüler meines Jahrganges, soweit sie den Krieg überlebt hatten und noch in Kassel oder Umgebung wohnten. Wir nannten uns jetzt Obersekundaner. Ein Versetzungszeugnis in diese Jahrgangsstufe (11 nach heutiger Zählung) habe ich allerdings nie gesehen.

Unsere Schule hatte das Gebäude der ehemaligen – inzwischen aufgelösten – Adolf-Hitler-Schule übernommen und hieß jetzt Realgymnasium Kölnische Straße, Realgymnasium für Jungen. Das Haus (im Jahr 1898 erbaut) war zwar weniger zerstört als das alte in der Wilhelmshöher Allee, wies aber auch beträchtliche Kriegsschäden auf. Der Mitteltrakt, der Turnhalle und Aula umfaßt, war bis auf die Außenmauern völlig zerstört. Dort lag der Schutt bis in den ersten Stock. Von den Klassenräumen waren anfangs nur zwei zu benutzen. Der Unterricht konnte nur unregelmäßig stattfinden. Die jüngeren Klassen erhielten zunächst nur eine Art Betreuungsunterricht für Hausaufgaben. Erst als die Aufräumungsarbeiten weitere Klassenräume nutzbar gemacht hatten, konnte im Frühjahr 1946 der Unterricht regelmäßig gehalten werden. Die Aufräumungsarbeit wurde zu einem erheblichen Teil von den älteren Schülern geleistet.

Mein Schuljahrgang war in den ersten Nachkriegsjahren der älteste in der Schule und wurde bei der Unterrichtsversorgung bevorzugt. Wir sollten, unserem Alter entsprechend, möglichst bald den gymnasialen Abschluß erreichen. Unser Klassenraum war der heutige Kartenraum (2), nicht gerade geräumig für über 20 Schüler. Nach einjähriger Unterrichtspause, nach Fronteinsatz und Kriegsgefangenschaft fiel es uns nicht leicht, wieder die Schulbank zu drücken.

Der Fächerkanon war nicht üppig: Deutsch, Englisch, Latein und Mathematik blieben die Hauptfächer, Geschichte und Erdkunde wurden epochal unterrichtet, ebenso Physik und Chemie. Kunsterziehung wurde zeitweise angeboten. Musik, Biologie und Französisch fehlten ganz in unseren Stundenplänen bis zum Abitur. Für die Naturwissenschaften blieb der Unterricht ohnehin stark eingeschränkt, denn Fachräume standen weiterhin nicht zur Verfügung, auch keine Geräte, um experimentieren zu können. Völlig neu – nicht nur für uns Schüler – war das Fach Sozialkunde. An irgendeine Form von Sportunterricht war nicht zu denken. Das lag nicht nur an dem Fehlen einer Turnhalle oder geeigneter Sportgeräte, die Ernährungssituation trug wesentlich dazu bei. Die ersten Nachkriegsjahre waren Hungerjahre, so manche Unterrichtsstunde wurde mit knurrendem Magen durchgestanden. (3)

Der Unterricht wurde außerdem beeinträchtigt durch das Fehlen von Schulbüchern. Erhebliche Teile des Lehrstoffes mußten mitgeschrieben werden, und auch das brachte Probleme. Schreibhefte gab es kaum zu kaufen, Papier war Mangelware, außerdem meist von minderer Qualität. Dazu ein Beispiel: Meine Klasse wurde im Frühjahr 1946 in die Unterprima (4), im Herbst darauf in die Oberprima (5) versetzt. Beide Versetzungszeugnisse stehen auf Vorder- und Rückseite des gleichen Bogens (übrigens noch in Sütterlinschrift ausgefüllt) aus Papier von geringerer Qualität als heutiges Konzeptpapier. 

Die Wintermonate brachten ein weiteres Problem: Es war kaum möglich, die Räume genügend zu heizen. Unterricht im Mantel und mit Handschuhen gehörten nicht selten zum Alltag. Besonders hart waren die Monate Januar und Februar 1947. Die Außentemperaturen fielen bis auf -27°. Die Fulda war so stark zugefroren, daß ich sie gefahrlos zu Fuß überqueren konnte und auch mußte, denn die Brücke war noch zerstört und der Fährbetrieb eingestellt. Der Unterricht für die jüngeren Klassen mußte für längere Zeit ausfallen, nicht nur für uns, die Abiturklasse.

Die schriftlichen Prüfungen begannen am 31. Januar. Prüfungsräume waren eine Baracke, die damals auf dem oberen Schulhof stand und zumindest genügend Platz bot. Der kleine Kohleofen gab her, was er konnte. Aber die Fenster waren aus dünnem Rollglas (6), außerdem undicht. Das Temperaturgefälle im Raum war erheblich. Die mündlichen Prüfungen, die ersten nach dem Kriege an der Schule, folgten am 28. Februar und am 1. März in der gleichen Baracke.

Die feierliche Verabschiedung fand in den Räumen der Engelsburg statt, in unserem Schulgebäude war dazu noch kein Raum geeignet. […]“

 

(Zit. n. Hans Weckesser, Erinnerungen an eine Schule, in: Jahrbuch ’94 Albert-Schweitzer-Schule Kassel Kölnische Straße 89, S. 27-29, Rechtschreibung entspricht dem Original. Anmerkungen 1-6 MR = Markus Rose).

 

(1) [Anm. MR] Flak = Flug-Abwehr-Kanone

(2) [Anm. MR] Heutiger Raum H201.

(3) [Anm. MR] Die Lebensmittelversorgung ist in den einzelnen Besatzungszonen höchst unterschiedlich und unterliegt zudem auch einem erheblichen Stadt-Land-Gefälle. Für die amerikanische Zone kann für die Jahre 1946/47 wohl ein Durchschnittswert von 1300-1500 Kalorien pro Person angenommen werden. Hinzu kommen später Sonderrationen für Kinder und Jugendliche sowie regelmäßige „Schulspeisungen“. Marshall-Plan und Währungsreform im Frühjahr und Sommer 1948 sollten schließlich die Versorgungswende einleiten.

(4) [Anm. MR] heutige Jahrgangsstufe 12

(5) [Anm. MR] heutige Jahrgangsstufe 13

(6) [Anm. MR] Rollglas meint hier eine Art Kunststoff-„Glas“.

 

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