Märchenerzähler 2009

Der Märchenerzähler Andreas Lorenz über sich, seinen ungewöhnlichen Beruf und die Albert-Schweitzer- Schule     

 

   

Der Märchenerzähler Andreas Lorenz erzählt schon fast traditionell am jeden letzten Schultag des Jahres, also kurz vor den Weihnachtsferien, in der Aula der Albert-Schweitzer Schule das Märchen Zwerg Nase von Wilhelm Hauff. Im Jahr 2008 wurde er zum fünften Mal eingeladen. Ursprünglich hatte die Idee Herr Siepmann. Seit 3 Jahren nun hat Frau May die Vorbereitung und Organisation übernommen. Die Zuhörerschaft bildet die jeweils komplette fünfte Jahrgangsstufe.

 

Nach dem frei erzählten Märchen erhalten die Schüler und Schülerinnen Gelegenheit den Märchenerzähler intensiv zu befragen – und er steht Rede und Antwort. Im nachfolgenden Interview sind noch einmal die wesentlichen Fragen und Antworten wiedergegeben, die sich in den letzten Jahren als besonders interessant herauskristallisiert haben.   

 

 

 

 

 Wie sind Sie zu dem Beruf des Märchenerzählers gekommen?

 
Andreas Lorenz (A.L.): Eines Nachts erschien eine Fee an meinem Bett und sagte: Dein Leben wird nicht immer ganz einfach sein und hin und wieder erhältst Du einen Hexenschuß – zum Ausgleich aber schenke ich Dir die Gabe des Erzählens, das wird Dein Leben ein wenig aufheitern.

Nun,  früher arbeitete ich häufig als Wald-, Natur- und Umweltpädagoge wochenweise für Schulklassen. Dies brachte mit sich, dass ich viel über Tiere, Pflanzen, das Ökosystem usw. erzählen musste. Teil dieses Programms waren immer Nachtwanderungen bei denen ich Indianermärchen in dunklen Waldlichtungen im Taschenlampenlicht vorgelesen habe. Einmal ging die Taschenlampe aus, Batterie war leer, da musste ich frei weitererzählen. Hat viel mehr Spaß gemacht als vorlesen. Bei anderen Kinderfreizeiten hatte ich auch immer kurz vor dem Einschlafen aus Büchern vorgelesen, insbesondere Gruselgeschichten. Gerne schweifte ich ab und erzählte frei noch gruseliger als der Text verfasst war. Da merkte ich, ich kann doch gut frei erzählen und dabei hören die Kinder viel mehr zu, weil es viel spannender rüberkommt. Dann erinnerte ich mich wieder an den Feenbesuch und da wusste ich, was ich zu tun hatte. Und hier bin ich.

 

 

 Wo haben Sie schon überall erzählt?

 
A.L.: Oh, da gibt es viele Orte. Klassisch sind Bibliotheken, Schulklassen und Museen. Ich erzähle aber auch gerne in Restaurants bei einem vier Gänge Menü, auch in Kirchen kam es schon vor, im Freien am Lagerfeuer, in Kindergärten, bei Hochzeiten und Geburtstagen oder ganz speziell in einer Erlebnissauna. Hier nur kurze 5 Minuten Märchen und im Gegensatz zu den Saunagästen bin ich natürlich angezogen. Ich komme also schon dabei rum.

 

 

Schreiben Sie auch selber Märchen?


Ja, es gab eine Phase in meinem Leben, da habe ich mich Abend für Abend hingesetzt und Märchen geschrieben. Ich musste gar nicht nachdenken, sie purzelten einfach so aus dem Ärmel heraus. Eines gebe ich Euch. Ihr könnt es lesen und mir gerne Eure Meinung sagen, ob ihr es für ein richtiges Märchen haltet.

 

 

Wie sind Sie darauf gekommen Märchen zu schreiben?

 
A.L.: Nun, ich habe einmal als Lehrer für junge Menschen mit geistigen Behinderungen gearbeitet. Meine Fächer waren Garten, nutzbare Pflanzen und in diesem Zusammenhang auch Heilpflanzen. Um besser veranschaulichen zu können, wie Heilpflanzen wirken, habe ich mir eben dazu Märchen ausgedacht.

 

 

Wie kann man sich denn so ein langes Märchen wie Zwerg Nase von Wilhelm Hauff überhaupt merken? Wie lange braucht man dafür?

 
A.L.: Gute Frage. Zusammengenommen dauert die reine Erzählzeit von Zwerg Nase ungefähr 60 Minuten. Also, zuerst lese ich das Märchen, wieder und immer wieder. Dabei versuche ich  mir das Märchen so bildhaft wie möglich vorzustellen, so als sehe ich mir einen Film an. Je mehr Details ich vor meinem inneren geistigen Auge sehe umso besser. Bei späteren Lesedurchgängen versuche ich immer mehr Passagen nicht zu lesen sondern laut selber zu erzählen. Am Anfang geht es immer sehr holperig zu. Mit der Zeit wird es immer flüssiger. In dem Fall von Zwerg Nase habe ich bestimmt 5 – 6 Wochen gebraucht, um es einigermaßen in meinen Kopf zu bekommen. Ich bin wohl kein Gedächtniskünstler. Wenn ich das Märchen allerdings 2 – 3 ganz frei erzählt habe, dann vergesse ich es auch nicht mehr so schnell. Märchen lernen ist richtig harte Arbeit, aber es trainiert das Gedächtnis – gut für´s Alter

 

  

Apropos Alter: Wie alt sind Sie überhaupt und haben Sie Kinder?

 
A.L.: Ich bin 45 Jahre jung und Märchen erzählen hält auch jung. Ich komme zwar nicht zum richtigen Joggen – aber Märchenlernen ist so was wie Hirnjogging. Kinder? Ich habe vier Kinder. Einmal Zwillinge und zwei Nachzügler. Allesamt Jungs.

 

 

Wo kommen Sie eigentlich her?

 
A.L.: Die unvermeidliche Frage nach meiner Herkunft. Also, ich wurde in Kassel geboren, ging dort zuerst auf das Wilhelmsgymansium, später auf die Jacob Grimm Schule. Ich hatte mich übrigens einmal sehr in ein Mädchen der Albert Schweitzer Schule verliebt gehabt. Aber das ist eine andere Geschichte. Später bin ich nach Berlin gezogen – dort wohne ich immer noch.

 

 

Ist es Ihnen schon mal passiert, dass sie sich einmal bei Märchenerzählen nicht richtig erinnern konnten, sozusagen das Gedächtnis versagt hat?

 
A.L.: Ja einmal. Ich hatte eine Probestunde in einem Völkerkundemuseum und wollte Indianermärchen erzählen. Allerdings schon vor richtigem Publikum. Bei einem Märchen bin ich furchtbar ins Schleudern gekommen, war nur noch am stottern und stammeln. Peinlich. Ich hatte dann das Märchen abgebrochen, gesagt, dass ich ein Black out habe und habe ein anderes Märchen erzählt, dass ich besser beherrschte. Die Kunst ist, so was zu überspielen und sich nix anzumerken zu lassen. Heute bin ich entspannter und kann so was besser.

 

 

Wieviel Märchen können Sie erzählen?

 
A.L. Darüber kann ich nur Vermutungen anstellen. Jetzt so aus dem Stehgreif kann ich vielleicht 20 - 25 verschiedene Märchen erzählen. Gelernt habe ich so an die 80 – 100 verschiedene Märchen.

 

 

Warum erzählen Sie so gerne das Märchen Zwerg Nase?

 
A.L. Als kleines Kind hatte ich eine Hörspielplatte von diesem Märchen, die ich rauf und runter genudelt, Entschuldigung, gehört habe. Ich finde das Märchen sehr anrührend. Erzählt es doch die Geschichte eines Menschen, der äußerlich zwar sehr ungewöhnlich ausschaut, für die meisten Menschen sogar richtig hässlich ist. Aber in ihm sind große Fähigkeiten verborgen und die verleihen dem Zwerg Nase ein würdevolles und achtbares Leben. Er wird aufgrund seiner Kochkünste bald am ganzen Hof und im ganzen Land geehrt und ist sehr respektiert. In uns allen schlummern große Fähigkeiten – wir sollten die Menschen nicht so sehr nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilen.

 

 

Was machen Sie noch in Ihrem Leben?

 
A.L.: Ich arbeite mit einer Künstlerin zusammen. Wir schreiben Lieder für Kinder. Hin und wieder machen wir ein Konzert. Außerdem mache ich in einem Kindergarten mit Kindern Musik.

 

 

Was denken Sie, welche Bedeutung haben Märchen für Menschen?

 
A.L.: Nun darauf könnte ich sehr ausschweifend antworten. Ich versuche mich trotzdem etwas kurz zu fassen. Für jeden von uns bedeuten bestimmt Märchen etwas Eigenes. Märchen zu hören und in sich aufnehmen ist ein sehr individueller Vorgang. Dadurch, dass Märchen sprachlich überwiegend nicht so schwer sind, aber voller Bilder stecken kann man sich vor seinem inneren Auge das gehörte Märchen recht einfach vorstellen.

Oft dienten Märchen der Unterhaltung. Es sind aber auch Botschaften in ihnen verborgen: Akzeptiere nicht irgendwelche scheinbaren Autoritäten oder Kräfte, Du kannst stärker sein als sie. Das Leben ist eine Prüfung – versuche es zu meistern. Glaube an Dich, prüfe Dich, entwickele Dich. Wer gutes tut erfährt gutes. Auch wenn die Situation ausweglos erscheint, es gibt doch immer noch eine Lösung. Na ja so in diese Richtung. Euch fällt bestimmt noch mehr ein.

 

 

Wenn jetzt eine Wunschfee vorbei käme und Ihnen drei Wünsche erfüllen würde, welche drei Wünsche hätten Sie?

 
A.L.: Möge es allen Menschen und allen Tieren, überhaupt allen Wesen auf dieser Erde gut gehen und sie keine Not leiden.

Mögen die Menschen weiser werden und achtsamer mit dieser Erde umgehen. Es gibt so schnell keine Zweite auf die wir ausweichen können.

Möge dieses Interview jetzt ein Ende finden. Ich verspüre Appetit auf eine Tasse heiße Schokolade mit einem Croissant.

Schüler und Schülerinnen: Denn Wunsch nach Beendigung des Interviews wollen wir gewähren. Vielen Dank, es war sehr aufschlussreich und beehren sie uns wieder einmal hier in der Albert Schweitzer Schule.
 
A.L.: Vielen Dank. Das will ich gerne tun.