Ethisch argumentieren

 

Weshalb drängen sich dem Menschen ethische Fragestellungen auf? Weshalb entkommt er seiner Verantwortung nicht?


1.    Der Mensch befindet sich in einem beständigen Spannungsfeld, dessen einen Pol seine (Willens-/Handlungs-)Freiheit darstellt, während der andere von einer großen Anzahl Verpflichtungen gebildet wird: Ich bin an die Welt, also zum Beispiel ihre physikalischen Gesetze, aber auch die in meinem Land geltende Rechtsnormen gebunden. Ich kann mich als Mitglied einer Gemeinschaft nicht völlig von meiner sozialen Verantwortung befreien, habe daher also einen beständigen Kampf zwischen Individuation und Sozialisation auszufechten. Und gleichzeitig habe ich Engelchen (vernünftige Vorstellungen) und Teufelchen (zum Teil sehr mächtige Triebe) auf meinen Schultern sitzen, die meine Entscheidungen meist in jeweils ganz unterschiedliche Richtungen lenken wollen.


2.    Erschwerend kommt hinzu, dass der Mensch – im Gegensatz zu allen anderen Tieren – sich nicht (mehr) auf die Sicherheit seiner Instinkte verlassen kann. Insofern sind wir alle Mängelwesen.


3.    Dies muss uns jedoch nicht verzweifeln lassen, da wir als Menschen trotz aller oben genannten Einschränkungen über eine mächtige Ressource verfügen, die den meisten anderen Lebewesen in der Form nicht zur Verfügung stehen: die Lernfähigkeit.

Damit der Mensch sich in Bezug auf seine moralische Urteilsfähigkeit  gelingend entwickeln kann, benötigt er Hilfe in Form von Erziehung.

Schon seit der Antike beschäftigen sich daher zahlreiche Menschen immer wieder mit der Frage, durch welche Disziplin diese Erziehung wohl am besten erfolgen könnte – und  spätestens seit Aristoteles (384-322 v.Chr.) gilt die Ethik als die für diese Aufgabe am besten geeignete. Abgeleitet vom griechischen Wort εθος (Ethos: Gewohnheit, Sitte, Brauch) bezeichnet sie nämlich die verlässliche Regelung des Zusammenlebens der Menschen sowohl in kleineren als auch in größeren Gemeinschaften. Hierfür stellt sie ein durch Tradition gewohntes und legitimiertes Regelwerk zur Verfügung, das neben Vorschriften für das zwischenmenschliche Miteinander auch die Ebene des individuellen Verhaltens nicht vernachlässigt. So ergeben sich verschiedene Bereiche, in denen die Ethik tätig werden kann:
 

Lebenshilfe

  • Vermittlung von Umgangsformen, Verhaltens- und Lebensregeln

Praktische Philosophie

  • Begründung für bewährte Verhaltensregeln suchen

Anleitung zu individueller Lebensführung

  • egozentrisch: Optimierung eigener Lebensumstände und Lebensziele  

 

 

 

Aufforderung zur optimierenden Gestaltung von Gemeinschaft, Staat und Umwelt

  • politisch-soziales Engagement

  • kreative kulturelle Arbeit

  • gerechte Verteilung ökonomischer Mittel, evtl. unter Miteinbeziehung revolutionärer Praxis

Innerweltlich verankerte autonome Gesetzgebung

  • z.B. Gesellschaftsvertrag

Transzendente heteronome Normensetzung

  • z.B. die Zehn Gebote in Judentum und Christentum oder die Fünf Säulen des Islam

Relativ gültig, gebunden an den historischen Kontext

  • „Andere Länder, andere Sitten.“

Überzeitlich absolut gültig

  • z.B. Forderung eines Völker verbindenden Weltethos

Rein deskriptiv oder analytisch

  • Beschreibung (der Entwicklung) menschlicher Verhaltensweisen sowie deren Deutung

Normative Ableitung oder Setzung

  • gesetzte Erwartungen an das Verhalten der Menschen (z.B. durch Gebote oder das Über-Ich)

Material bestimmt

  • durch gegebene Werte (z.B. ein erstrebenswertes höchstes Gut oder festgelegt durch den größten individuellen oder sozialen Nutzen)

Formal gültig

  • allgemein und universal gültige Imperativ (wie z.B. in der Ethik Kants) 

 

Von Verantwortung und Gesinnung getragene Handlungsanleitung

Vorlage zur Beurteilung einer Handlung von den Handlungsfolgen her.

 

So unterschiedlich diese einander gegenübergestellten Sinnrichtungen der Disziplin Ethik auf den ersten Blick anmuten mögen, so geht es in ihrem jeweiligen Kern doch immer um das Verhältnis von Ordnung und Freiheit.