60 Jahre nach Kriegsende

 
  Zeitzeuge: Herr Weckesser    
Einführung: Fachvorsteher
Lesung: verschiedene Schülerinnen 

Erstaunlich, was er Mensch aus aushält
(ein Bericht in der HNA vom 28.4.2005)

Die Albert-Schweitzer-Schule lud den Zeitzeugen Hans Weckesser ein
Von Patrick Jagoubi

 

KASSEL. "Wir möchten den Schülern einen unmittelbaren Kontakt zur Geschichte ermöglichen", sagt Rita Schmidt-Schales von der Schulleitung der Albert-Schweitzer-Schule. Jetzt, 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, sei es wichtig, an die damaligen Umstände zu erinnern.

Diese Veranstaltung war für die Jahrgangsstufe elf ausgerichtet, da die Schüler dieser Stufe so alt sind, wie es Hans Weckesser war, als der Krieg begann. Um auch die Perspektive der Zwangsarbeiter in diese Veranstaltung miteinzubeziehen, lasen zunächst drei Schüler Erfahrungsberichte und Tagebucheinträge von ehemaligen Zwangsarbeitern vor.

Diese Veranstaltung war für die Jahrgangsstufe elf ausgerichtet, da die Schüler dieser Stufe so alt sind, wie es Hans Weckesser war, als der Krieg begann. Um auch die Perspektive der Zwangsarbeiter in diese Veranstaltung miteinzubeziehen, lasen zunächst drei Schüler Erfahrungsberichte und Tagebucheinträge von ehemaligen Zwangsarbeitern vor.

Diese Veranstaltung war für die Jahrgangsstufe elf ausgerichtet, da die Schüler dieser Stufe so alt sind, wie es Hans Weckesser war, als der Krieg begann. Um auch die Perspektive der Zwangsarbeiter in diese Veranstaltung miteinzubeziehen, lasen zunächst drei Schüler Erfahrungsberichte und Tagebucheinträge von ehemaligen Zwangsarbeitern vor.

"Wenn man jemanden liegen sieht, der sich besinnungslos vor Schmerzen krümmt und laut nach seiner Mutter schreit, dann geht das einem als 17-Jährigem an die Nieren", schildert Weckesser seine Eindrücke. Anschaulich auf einer Landkarte zeichnet er seinen Weg nach. "Unsere Parole hieß nur: Westwärts, westwärts, westwärts", sagt Weckesser. Von Hessen wurde er als Luftwaffenhelfer an die Ostfront versetzt. Dort eingekesselt von feindlichen Streitkräften startete der Marsch. Weckesser: "Ich kann nicht allen Schrecken erzählen, vieles habe ich auch verdrängt, aber ich übertreibe nicht wenn ich sage: Ich kroch zwischen Toten und Verwundeten durch die Straßen." Irgendwann hat es ihn selbst auch erwischt - am Arm. Auf die Frage, wie das alles durchzustehen gewesen sei, antwortet er: "Es ist schon erstaunlich, was der Mensch aushält, es ging einfach nur darum zu überleben."

"Herr Weckesser hat uns eine Stunde lang gefesselt", sagte Hartmut Raffel, ein Lehrer der Schule, nach dem Vortrag. Dies wurde vor allem dadurch klar, dass die Schüler zahlreiche Fragen an den Gast stellten.

Der ehemalige Lehrer beantwortete alle Fragen gern ausführlich und schilderte noch die eine oder andere Episode wie zum Beispiel das erste Wiedersehen mit den Eltern nach monatelanger Abwesenheit.

 

Einführung des Fachvorstehers

 

Sehr geehrter Herr Weckesser, liebe Schülerinnen und Schüler!
 

Der Erinnerung Raum und Zeit, aber auch eine andere Form zu geben  jenseits des normalen Geschichtsunterrichts, hat schon Tradition in der Aula unserer Schule.

Vor etwa einem Jahr las hier Michael Jürgs aus seinem Buch "Der kleine Frieden im großen Krieg" und damit über die Friedenssehnsucht des kleinen Mannes im Ersten Weltkrieg. Zu Weihnachten 1914 einigten  sich Soldaten beider Seiten an der Westfront darauf, dass die Waffen schwiegen, man statt dessen lieber Geschenke austauschte oder gegeneinander Fußball spielte.
 
In diesen Tagen erinnert sich die Welt daran, dass der 2. Weltkrieg, der von uns Deutschen entfacht wurde, vor 60 Jahren in Europa zu Ende ging. Ein Krieg der 60 Millionen mal ein menschliches Leben auslöschte. Ein Krieg, der vielleicht 1914 seinen Anfang fand, aber von Seiten Deutschlands mit noch viel weiter gehenden Zielen geführt wurde als im Ersten Weltkrieg. Mit Zielen, die im Hinblick auf den Osten als "Vernichtung" gekennzeichnet werden müssen. Vernichtung des Bolschewismus, Vernichtung der Juden, dann auch mit dem Ziel der Vernichtung der Juden in ganz Europa. War schon der Erste Weltkrieg ein totaler Krieg, dann der zweite umso mehr.

Nach einer aktuellen Meinungsumfrage ist die ganz überwiegende Mehrheit der Deutschen heute der Meinung, dass der 8. Mai 1945, an dem das Deutsche Reich kapitulierte, ein Tag der Befreiung war. Das war nicht immer so. Aber auch heute ist – meiner Meinung nach – die öffentliche Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, z. B. an den Luftkrieg auch auf deutsche Städte, ganz stark in der Gefahr, uns Deutsche vornehmlich als Opfer dessen zu sehen, was Deutschland selbst verursacht hat.

Die Medien sind voll von Erinnerungen an die letzten Wochen eines nationalsozialistischen Deutschen Reiches, dessen Führer sich selbst ein Ende setzten, um sich der Verantwortung vor dem deutschen Volk und der Welt nicht stellen zu müssen. Dennoch möchten wir in einer eigenen, schulischen Veranstaltung an die Zeit damals erinnern.

Die Befreiung von der Nazi-Diktatur war kein abstrakter Akt. Er betraf Millionen von Menschen ganz verschieden: auch Menschen aus Kassel und Menschen, die zwangsweise in Kassel lebten und arbeiteten, Menschen die erst später nach Kassel kamen und ein ganz anderes Schicksal hatten. Für die Geschichte des Einzelnen bedeuteten der Zweite Weltkrieg und sein Ende ganz Unterschiedliches. Das Ende des Zweiten Weltkrieges bliebe abstrakt, wenn wir uns das nicht vor Augen führten und wenn wir nicht verschiedene Sichtweisen und Erfahrungen aufzeigten und zu Wort kommen ließen.

Wie einzelne Menschen das Kriegsende erlebten oder was für sie der Krieg lebensgeschichtlich bedeutete und bedeutet, möchten wir Ihnen deshalb heute nahe bringen, vor allem Ihnen auch die Möglichkeit zum Gespräch mit einem Zeitzeugen geben.

Alle Menschen, deren Schicksal Sie heute kennen lernen können, lebten irgendwann in unserer Stadt.

Da ist der ausländische Zwangsarbeiter, einer von mehr als 26 000, die sich bei Kriegsende in unserer Stadt oder der näheren Umgebung befanden. Gerade im Zusammenbruch des Dritten Reiches, in letzter Minute, wurden an diesen Zwangsarbeitern überall noch zahlreiche Morde begangen: In Kassel und Umgebung fanden Massenmorde auf dem Friedhof Wehlheiden, am Bahnhof Wilhelmshöhe und in der Nähe des Arbeitserziehungslagers Breitenau kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner statt. Mehr als 100 Menschen wurden dabei ermordet.

Da ist der Balte jüdischen Glaubens, der 1947 auf der Hasenhecke eine Zuflucht gefunden hat. Nach dem Krieg flüchteten zahlreiche Juden aus Osteuropa nach Deutschland – Überlebende des Krieges und des Völkermords. Für sie war Kassel im Land der Täter, die ihnen auch jetzt feindlich begegneten, eine dann viel zu lange Übergangsstation auf dem Weg nach Palästina bzw. Israel oder auch in die USA. Mehrere Tausende von ihnen lebten auf der Hasenhecke, in der Jägerkaserne oder im Fasanenhof. Was hatte für sie der Zweite Weltkrieg bedeutet?

Aus Erinnerungen von Zwangsarbeitern, die sich im Archiv der Gedenkstätte Breitenau befinden, aus den Erinnerungen einer Tochter an ihren Vater werden Elisa Bischof, Wiebke Harle und Stefanie Schäfer lesen.

Da ist dann auch der deutsche 17jährige Schüler, der vom Flakhelfer am Ende des Kriegs unfreiwillig noch zum Soldaten wird.

Während wir einige Erinnerungen nur lesen können, wird aus der deutschen Perspektive dieser damals 17Jährige Herr Weckesser berichten, der 1945 noch in den Krieg ziehen musste. Er war 1945 jünger als Sie, Schüler unserer Schule, später auch Lehrer und stellvertretender Schulleiter.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei ihm, uns seine persönlichen, aber doch eben ganz geschichtlich geprägten Lebenserinnerungen anzuvertrauen -  und sich dann auch Ihren Fragen zu stellen.

Hans Weckesser ist unter uns der einzige, der Krieg erlebt und erlitten hat. Wir anderen sollten uns vergegenwärtigen, dass wir selbst zu den glücklichen Generationen gehören, denen Krieg nicht bis auf den eigenen Leib näher gerückt ist. Gleichwohl ist Deutschland ein Land, das sich wieder an Krieg beteiligt.

Wir hoffen auf Nachdenklichkeit ein Gespräch.

(Wolfgang Matthäus)

Lesung von Schülerinnen zum Kriegsende –
 
Das Schicksal von Zwangsarbeitern

und Displaced Persons
 

Aus dem Tagebuch von Pierre Bellier
aus dem Archiv der Gedenkstätte Breitenau

 

01.04.45

Amerikanische Spähpanzer in Calden. 12 Häuser in Brand gesetzt
 

02.04.45

Beginn des Angriffs auf Kassel. Die feindlichen oder vielmehr amerikanischen Panzer kämpfen in Bettenhausen, Wilhelmshöhe und Wolfsanger. Straßenkämpfe. Leben in Bunkern. Ernährung ohne Lebensmittelkarten für Deutsche und Ausländer.


04.04.45

Einnahme von Eckerhausen, Einnahme von Calden

Amerikanische Spitze vorgerückt bis zum Waldrand von Mönchehof. Feuer von Panzern mit 75er Kanonen und schweren Maschinengewehren mit Sprenggeschossen: die Geschosse und Kugeln pfeifen über unsere Köpfe, wir stehen Todesängste aus, flach auf dem Bauch liegend in unserer Hütte (Kilometerstein 49).

Bondessoules und Machadot, die sich aufgeopfert haben, Kartoffeln für die Mannschaft zu beschaffen, werden von dem Feuer der automatischen Waffen erwischt, genauso wie de Niort, der zum Milchholen ging, und Lambert und Nicolle, die beide zu früh den Amerikanern entgegen liefen.


05.04.45

Befreiung durch die Amerikaner

Einnahme von Mönchehof. Besetzung des Waldes und der Umgebung - habe die ersten Chesterfield-Zigaretten geraucht, 2 Streifen Kaugummi gekaut, eine kleine Dose amerikanische Pastete und 4 trockene Kekse gegessen.


06.04.45

Aufbruch vom Wald zu Fuß nach Frankreich über Düsseldorf, Aachen, Belgien, mit dem Rucksack und in guter Stimmung, zusammen mit 4 Kameraden - aber wir werden in Calden aufgehalten, 6 km vom Lager entfernt.

Rückkehr ins Lager Mönchehof, das eine Sammelstelle für die Repatriierung aller Lager- und Kriegsgefangenen­-Kommandos werden sollte. Die Führer der Jungen, die sich mit der Delegation befassten und uns bei der Evakuierung des Lagers ziemlich kalt hatten fallen lassen, sind schon zurück gekommen und empfangen uns mit offenen Armen. Erste Verteilung von Rationen - 1600 gr Brot pro Person, 1 gute Suppe, 50 gr Tabak, 2 Stück Seife. Die Reorganisation des Lagers kommt in Gang.


08.05.45

Ende der Kampfhandlungen. Jede Einzelgruppe, die noch weiterhin Widerstand leistet, wird als Freischärler betrachtet und ohne Nachsicht vernichtet, da das Kriegsrecht als Schutz nicht mehr gilt.

Um den Tod des Naziregimes zu feiern, hatten an eben diesem Tag Kameraden in unserem Lager den Einfall, eine Hitler- Marionette zu basteln, in natürlicher Größe, mit einer SA­Uniform bekleidet und mit ausgestrecktem rechten Arm. Diese Marionette wurde an eine Stange gehängt und die Stange auf einem mit Grünzeug dekorierten Panzerwagen aufgerichtet, an dem beschriftete Banderolen festgemacht waren mit Sprüchen wie "Hitler Kapout - Deutschland Kapout — Alles Kapout" und ähnlichen anderen lachhaften Parolen. Auf den Wagen, der von zwei starken Pferden gezogen wurde, waren auch mehrere Jungens gestiegen, einer stellte einen Henker dar, er war mit einem großen roten Umhang und einem breitkrempigen Hut bekleidet und trug eine Hacke, andere repräsentierten die Frauen des Volkes, ein anderer trug ein Grafenkostüm. Auch die Pferde waren geschmückt, mit einer roten Decke auf dem Rücken. Vorneweg zog ein Trommler, sowie der Bürgermeister, dann die Jungens, die ein an zwei Stangen befestigtes großes Schild trugen, auf das zwei Lothringer- Kreuze gemalt worden waren und in der Mitte das deutsche Zahnrad mit zwei Knochen, die einen Totenkopf umgaben.

Eine Ankündigung vom Büro wurde in alle Zimmer des Lagers gebracht mit der Aufforderung an alle Bewohner der Baracken, diesen Umzug am Abend um 17 Uhr zu begleiten. Der lustige Umzug sollte durch das ganze Dorf von Mönchehof und von Hauenkirchen ziehen, dieses zweite Dorf war vor der deutschen Niederlage besonders hochprozentig nationalsozialistisch. Den Bewohnern dieser beiden Dörfer, die uns fast alle noch vor wenigen Monaten (...) betrachtet hatten mit der verächtlichen Bemerkung auf den Lippen: "Das sind diese französischen Lieder!", sollte mit diesem Umzug deutlich vor Augen geführt werden, dass wir uns auf unsere Weise für den "Grand Jules" rächten, der diese große Katastrophe ausgelöst hatte, die am Vortag ihr Ende gefunden hatte, nach sechs Jahren der Vernichtung von Menschen und Material. Nach dem Umzug durch diese beiden Dörfer sollte der Zug schließlich auf den Platz von Mönchehof zurückkehren, wo die Hitlerpuppe auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden sollte. Sehr viele Jungens zogen mit diesem burlesken Tross, und man konnte die unterschiedlichen Eindrücke beobachten, die er auf die Deutschen machte. Viele lachten aus vollem Herzen über diesen schändlichen Hampelmann, der am Strick baumelte, andere, hundertprozentige Nazis, senkten beschämt den Kopf oder warfen uns einen bösen Blick zu. Wir zogen durch das ganze Dorf Mönchehof und sangen dabei die Marseillaise, dann folgten Hochrufe auf die alliierten Streitkräfte und Pfui-Rufe auf die Nazipartei und ihre fanatischen Anhänger, deren Häuser im Dorf wir kannten. Am Bahnhof von Mönchehof wurde die Tafel, auf der stand: ,"Räder Müssen Rollen Für Den Sieg", von der Mauer abgerissen und vorne auf dem Wagen des Lagerchefs angebracht, wo auch eine batteriegetriebene Sirene installiert war, die während des ganzen Umzugs ununterbrochen lief. Bei dem Umzug gab es einige kleine Boshaftigkeiten gegen Deutsche: Einem Deutschen, der auf einem bespannten Fuhrwerk saß und uns blöd anglotzte, zog ein Franzose im Vorbeigehen den Hut ab, andere jagten Geflügel, das vor den Bauernhöfen rumlief, und die Bauern wagten nichts zu sagen; ein anderer Deutscher, ein alter Nazi, wurde von einem Franzosen zum Hitlergruß vor der Marionette gezwungen. Wir zogen auch vor unserem ehemaligen Lagerführer vorbei, der ganz famos mit uns gewesen war, dort gab es Sympathiebekundungen und Anerkennung, und er selber beglückwünschte uns zu unserem Wagen. In Hauenkirchen beschimpfte uns eine Frau als Franzosenschweine. Sie wurde sofort festgenommen und bei der amerikanischen Polizeistation abgeliefert; wir wurden auch von einem amerikanischen Posten beklatscht, zu dem, nebenbei gesagt, auch eine schöne junge Amerikanerin gehörte, die Französisch sprach - dort wurden Salutschüsse abgefeuert und Fotos gemacht, dann wurde die Sirene des Örtchens in Gang gesetzt, um alle Leute auf den Umzug aufmerksam zu machen.