Bericht HNA I

Von Andreas Gebhardt

 

KASSEL. Was kann uns Heutige das Schicksal der Anne Frank 60 Jahre nach ihrem Tod im Vernichtungslager Bergen-Belsen bedeuten? Der Schriftsteller Primo Levi beschrieb es so: „Eine Einzelperson wie Anne Frank erweckt mehr Anteilnahme als die Ungezählten, die wie sie gelitten haben, deren Bilder aber im Dunkeln geblieben sind. Vielleicht muss es so sein; müssten oder könnten wir die Leiden aller erleiden, könnten wir nicht leben." Stellvertretend für sechs Millionen ermordete Juden hat Anne Frank dem Leiden ein Gesicht gegeben. Das unfassbare Grauen ist ein wenig fassbarer geworden.

Das gilt auch für die Ausstellung „Anne Frank - Eine Geschichte für heute". Rund 500 000 Besucher in über 100 deutschen Orten haben die weltweite, vom Museum Anne-Frank-Haus in Amster­dam konzipierte Wanderausstellung seit 1996 gesehen. Jetzt ist sie im Kasseler Stadtmuseum angekommen.

Rund 30 miteinander verschränkte Schau- und Stelltafeln lassen in Texten und Fotos Anne Franks und ihrer Familie Leben und Leiden Revue passieren: Geburt 1929 und bürgerliches Glück in Frankfurt, Emigration nach Holland unmittelbar nach der Machtergreifung 1933.

Und dann das Versteck im Amsterdamer Hinterhaus, in dem sich die Familien Frank und Van Pels mehr als zwei Jahre aufhalten. Die erschütternden Tagebuchaufzeichnungen des Teenagers Anne aus dieser Zeit bilden den ro­ten Faden durch die didaktisch hervorragend aufbereitete Ausstellung mit Fotos, Dokumenten und Stimmen von Zeitzeugen.

Anne Franks Tagebuch wurde von Millionen gelesen. Wer aber kennt Ilse und Inge Lichtenstein, Adi Rothschild und Dorrith M. Sim? Stellvertretend für die vielen vergessenen jüdischen Nazi-Opfer dokumentiert die Kasseler Ausstellung nämlich auch Schicksale von Kindern aus Kassel und Nordhessen. Das ist eine wichtige Horizonterweiterung. Denn diese Seitenlinie erinnert einmal mehr daran, dass die Verbrechen der Nazis unmittelbar vor der eigenen Haustür stattfanden.

Neben einem umfangreichen Begleitprogramm mit Vorträgen, Filmvorführungen und Lesungen wurde das Konzept „Jugendliche begleiten Jugendliche" entwickelt: Junge Erwachsene führen durch die Ausstellung. Wie Museumsleiter Karl-Hermann Wegner mitteilt, war die Resonanz bei Jugendlichen und Erwachsenen schon im Vorfeld der Ausstellung enorm. Man sei in den kommenden Wochen auf einen großen Andrang vorbereitet.

  • „Anne Frank - Eine Geschichte für heute". Stadtmuseum, Ständeplatz 16. Di-So 10-17 Uhr: Bis 3. April. Für Schulklassen wird nach Anmeldung bereits um 9 Uhr geöffnet. Anmeldung zu Führungen unter 787-1400.


Aus: Hessisch Niedersächsische Allgemeine