Die Hoffnung stirbt zuletzt

Halina Birenbaum (Israel) berichtet als Zeugin des Völkermords

 

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Von Luisa Ackerhans und Nese Oktay, Jahrgangsstufe 12
 

Am Donnerstag, den 8. November 2007, zum 69. Jahrestag der Progromnacht besuchte die jüdische Zeitzeugin der NS-Zeit Halina Birenbaum die Albert-Schweitzer-Schule in Kassel.

Eine ehemalige Schülerin der ASS, die Studentin Nora Wohlfahrt, die zurzeit in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück ein Praktikum macht und in einem Projekt über den Holocaust arbeitet, leitete Birenbaums Vortrag mit einigen Worten ein. Dabei sprach sie die besondere Bedeutung der Geschichte an, welche nicht nur die Geschichte der Täter, sondern gerade die der Opfer sei. Durch ihre Vorrede motivierte Nora Wohlfahrt uns Zuhörer in der Aula dazu, sich die Geschichte Birenbaums aktiv anzueignen. 

 

In einem ca. 90-minütigen Bericht erzählte die heute 78-jährige Zeitzeugin von den Geschehnissen im Warschauer Ghetto, in den Konzentrationslagern Majdanek, Auschwitz und Ravensbrück und schließlich von der Befreiung in Neustadt-Glewe.


Halina Birenbaum wurde im Jahre 1929 als Tochter in eine jüdische Familie in Warschau geboren. Sie hatte zwei ältere Brüder. Bereits im Warschauer Ghetto, nach dem deutschen Überfall auf Polen, begann ihr Leidensweg, der sich in der Haft in verschiedenen Konzentrationslagern fortsetzte. Ab ihrem 13. Lebensjahr musste sie mit Schrecken erleben, wie erst ihr Vater, dann ihre Mutter, ein Bruder und viele andere Angehörige umgebracht wurden. Dies geschah bis zu ihrer unvorhersehbaren Befreiung 1945. 

 

Den einzigen Überlebenden ihrer Familie, nämlich ihren anderen Bruder, traf sie, als sie nach Warschau zurückkehrte. Hier schloss sie sich einer zionistischen* Gruppe an, die sich auf ein Leben in Palästina vorbereitete. 1947, also mit 19 Jahren, zog sie nach Israel, besucht jedoch oft ihre Heimat Polen und später auch Deutschland. 

 

Halina Birenbaum beschrieb zu Anfang, dass sie uns nicht nur ihre Geschichte erzähle, sondern alles nochmals durchlebe. Dementsprechend emotional war ihr Vortrag und wir Zuhörer lauschten mitgerissen. Einerseits erschreckten uns die Grausamkeiten, die Birenbaum erlebte, andererseits waren sehr viele von uns durch das geschilderte Leid zu Tränen gerührt und auch wir zeigten unser Mitgefühl und unsere Trauer.
 

Birenbaums Anliegen bei solchen Vorträgen ist es, das Vergangene bewusst zu halten, damit „sich niemals und nirgends auf der ganzen Welt ein solches Verbrechen wiederholen möge.“

 

* zionistisch: auf einer Ende des 19.Jh. entstandenen, politischen Bewegung zur Gründung und Sicherung eines nationalen jüdischen Staates beruhend.
 

 (ausführliche Informationen auf der Seite: http://www.zchor.org/birenbaum/halina_ger.htm)

Die Autobiographie von Halina Birenbaum erschien unter dem Titel „Die Hoffnung stirbt zuletzt“.

 

Nora Wohlfarth, die 2004 an der ASS Abitur machte und zur Zeit in der Gedenkstätte Ravensbrück arbeitet, führte in die Veranstaltung ein, die auch am 69. Jahrestag der Erinnerung an den Novemberpogrom 1938 gewidmet war, der in Kassel vom 7.-10.  November 1938 stattfand:
 

Sehr geehrte Frau Birenbaum! Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrer und liebe Gäste
 

Ich begrüße sie alle, und besonders unseren Gast Frau Birenbaum herzlich zu der heutigen Veranstaltung. Halina Birenbaum wird heute aus ihrem Leben berichten und hinterher wird es die Möglichkeit geben, ihr Fragen zu stellen.
 

Als derzeitige Mitarbeiterin der Gedenkstätte Ravensbrück ist es mir eine ganz besondere Freude, Halina Birenbaum jetzt – nach der Lektüre ihres Buches „Die Hoffnung stirbt zuletzt – auch persönlich kennenzulernen.

 

Szanowna Pani Birenbaum, serdecznie witamy pania w Kassel i w naszej szkole. Cieszymy się bardzo, że mogla Pani do nas przyjechać i że możemy Pania dzisiaj u nas powitać.
 

Liebe Frau Birenbaum, herzlich willkommen, zunächst einmal in Kassel und besonders hier an der Albert-Schweitzer-Schule. Vielen Dank, dass Sie den weiten Weg von Israel über Polen auf sich genommen haben. Wir sind sehr froh, dass Sie heute bei uns zu Gast sind.
 

Mit dieser Veranstaltung am Jahrestag der Pogromnacht sollen nicht nur Informationen über das Dritte Reich und den Mord an den europäischen Juden vermittelt werden. Es gilt auch, sich an die Opfer zu erinnern und ihrer zu gedenken.
 

Erinnern und Gedenken, mit diesem Wortpaar verbindet man oft Kranzniederlegungen und lange Reden. Rituale also, die hier in der Bundesrepublik ein Teil des ganz normalen politischen Geschehens sind. Heute, so lange nach dem Ende des 2 Weltkriegs, erscheinen Vielen diese Rituale eher mechanisch, wenn nicht sogar sinnlos zu sein. Geschichte ist doch vorbei, was geht uns das an, fragen sich viele. Die Frage ergibt sich nur, wenn man Geschichte auf das reduziert, was sie in Schulbüchern oder auch in Wikipedia zu sein scheint: zwangsläufig und unabänderlich so geschehen, wie sie geschehen ist. Vielleicht ergibt es sogar Sinn, wenn man über Geschichte liest, und dann das eine zum anderen führt, scheinbar so ganz vorherbestimmt.
 

Aber Geschichte, das sind immer die Geschichten von handelnden Personen und nicht nur eine chronologische Abfolge von Ereignissen. Also auch von Personen, die  - zum Beispiel während der Pogromnacht - entschieden haben, sich an der Diskriminierung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und Andersdenkenden zu beteiligen. Und wenn man diese einzelnen Entscheidungen betrachtet, ergibt Geschichte nicht mehr so einfach Sinn und stellt sich eben nicht mehr als so zwangsläufig dar.
 

Doch genau diese handelnden Personen, die ihren Handlungsspielraum so unterschiedlich genutzt haben, verschwinden manchmal, wenn von Geschichte die Rede ist. Geschichte sind aber nicht nur einige Hauptverantwortliche wie Adolf Hitler, Goebbels, Himmler und der angeblich nur verführten Deutschen, denen große Zahlen anonymer gegenüberstanden. Sie ist auch die Geschichte der Frauen, die sich in Ravensbrück ganz freiwillig um einen Posten als KZ-Aufseherin beworben haben, um sich dort schnell der herrschenden Gewalt anzupassen, und gleichfalls die Geschichte von Halina Birenbaum, die als junges Mädchen von Auschwitz als Häftling nach Ravensbrück kam. Sie berichtet in ihrer Biographie viel von solchen Handlungsspielräumen. Durch geschickte Entscheidungen konnte ihre Mutter die Familie im Ghetto lange vor der Deportation bewahren. Ich finde es sehr wichtig, sich diese Entscheidungsmöglichkeiten immer wieder zu verdeutlichen. Aktiv handelten nicht nur die Täter.
 

Insofern bedeutet Gedenken und Erinnern auch, der Geschichte ein Gesicht zu geben, uns klarzumachen, dass Menschen gehandelt haben. Und damit meine ich nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer. Deren Handlungsspielraum aber war auf ein Minimum reduziert und ihre Entscheidungen mussten sie fällen in einer von den Nazis pervertierten Umgebung. Aber auch auf der Seite der Opfer handelte jeder Einzelne und gestaltete sein Schicksal, so weit das irgend möglich war. Das sollten wir nicht vergessen.
 

Es ließen sich viele Fragen aufwerfen über Erinnern und Gedenken, und es ist wichtig, sich immer wieder zu fragen, wie es geschehen soll und was man damit bezweckt. Für mich zeigt diese Veranstaltung heute eine der möglichen Funktionen. Nämlich die Geschichte aus den Geschichtsbüchern und Archiven und Bibliotheken rauszuholen. Sie ist nämlich nicht nur Brötchengeber der Historiker und Geschichtslehrer, sondern auch eure Geschichte, wenn sie immer wieder und hier ganz besonders die Frage stellt, wozu Menschen in der Lage sein können – im negativen wie im positiven Sinne. Es geht auch um eure eigenen Fragen. Gedenken ist eben kein Ritual, das man passiv über sich ergehen lässt, sondern die aktive Aneignung von Geschichte durch jeden Einzelne und jede Einzelne.
 

Ich bin froh, dass Halina Birenbaum uns ihre persönliche Geschichte erzählt. Bitte nutzt die Gelegenheit, ihr die Fragen zu stellen, die Euch bewegen. Als Konsequenz aus ihren Erlebnissen hat sie sich dafür entschieden, ihre Geschichte immer wieder zu erzählen, und vor dieser Entscheidung habe ich großen Respekt. Sie sagt selber, dass das Böse erkundet werden muss, auch wenn es uns schwer fällt, und wir kaum Worte finden. Das ist aber kein Grund aufzugeben. Ihr heutiges Engagement zeigt das. 
 

Ich darf ihr an dieser Stelle noch einmal für Ihre Gesprächbereitschaft danken und gebe das Wort jetzt an Sie.

 

Die HNA berichtete am 9.11.2007

Gesicht für die Geschichte 

Holocaust-Überlebende Halina Birenbaum erzählte Schülern von ihrem Leben

Von Sabine Oschmann 

Kassel. Was war das Schlimmste? Dies fragen nicht etwa die Schüler, sondern Halina Birenbaum selbst. Und wenn die 1929 in Warschau geborene Jüdin dann erzählt von all dem Grauen, das sie im Dritten Reich, in den Konzentrationslagern erlebt hat, wenn sie die Erinnerungen und Bilder kurz übermannen, gibt sie die Antwort selbst: "Es gibt nichts noch so Schlimmes, was Menschen sich nicht ausdenken können".

Erzählen, immer wieder erzählen, was sie erlebt hat und sich dabei immer wieder dem Ansturm der Gefühle, Schmerz, Leid, Verzweiflung stellen, das tut Halina Birenbaum seit Jahrzehnten. Im Alter von neun Jahren kam sie ins Warschauer Ghetto, dann in die Konzentrationslager Majdanek, Auschwitz und Ravensbrück. "Was hat man als Jude zu weinen, wenn man die Mutter verliert", hieß es. Solche Äußerungen brennen für immer in der Seele. "Ich habe so viele Wunden bekommen". Halina Birenbaum muss unterbrechen.

"Noch ein letzter Kuss, eine letzte Umarmung, bevor der nächste erschossen wird", fährt sie dann fort. Dann kommt "das Töten mit Dampf, davon hatte man gehört". Über Massen von Toten stiegen wir in die Waggons, die in die Gaskammern fuhren, diese Enge, diese Todesangst, diese Panik. Es liegt eine unheimliche Stille in der Aula, die jungen Leute sind starr, hören reglos den Berichten der Überlebenden des Nazi-Regimes zu. Können sie fassen, was Halina Birenbaum erlebt und überlebt hat? "Man muss sich manchmal noch verteidigen, dass man als Jude überlebt hat", sagt sie erregt.

Halina Birenbaum hat überlebt, vier Lager, wurde mit 15 Jahren befreit und kehrte nach Warschau zurück. Dort fand sie ihren Bruder, einziger Überlebender ihrer Familie. Die anderen wurden in verschiedenen Lagern getötet.

Wolfgang Matthäus, Leiter der Werkstatt Geschichte an der Albert-Schweitzer-Schule, lud Halina Birenbaum anlässlich des Jahrestags der Reichskristallnacht ein. "Nur sie als Zeitzeugin kann jungen Leuten authentisch berichten", erläutert Matthäus.

Die Frage, wie man das Grauen überleben kann, steht im Raum. Von Solidarität, Hilfe, unerwarteter Unterstützung und sogar Mitgefühl in all der Brutalität und erzählt Halina Birenbaum.

Mit ihr, die seit 60 Jahren in Israel lebt, "bekommt Geschichte ein Gesicht", wie Nora Wolfahrt in ihrer Begrüßung sagte. "Geschichte muss raus aus den Archiven und Büchern", forderte die ehemalige ASS-Schülerin. Rein ins unseren Alltag. Dies geschehe durch Halina Birenbaum.

Eine ausführliche Beschreibung ihre Lebens gibt Halina Birenbaum selber:

"Das Leben als Hoffnung"

 

Links zu Halina Birenbaum, über die man auch zu Gedichten kommt, die sie schrieb:

http://www.dialog.org/dialog/hbirenbaum.htm

http://www.zchor.org/birenbaum/halina.htm

http://www.dialog.org/dialog/hbirenbaum-menschlichkeit.htm