Erinnerung an Auschwitz

Henryk Mandelbaum, überlebender Häftling des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau zu Gast in unserer Schule

 

 

Am 30. Januar 2006 war Henryk Mandelbaum zu Gast in unserer Schule. Vor der von fast der gesamten Oberstufe gefüllten Aula berichtete er über sein Leben und insbesondere über das, was er in Auschwitz erlebte und gezwungen war zu tun.

Die "beklemmende Stille", von der die HNA am nächsten Tag schrieb, verdankte sich dem hohen Interesse der Schülerinnen und Schüler zu erfahren, was war. Vor allem aber verdankte sie sich dem Menschen Henryk Mandelbaum. Im Land der Täter sprach er in der Sprache der Täter, ohne Anklage an die junge Generation, als Überlebender auch heute mit der Freude am Leben, zu der er ausdrücklich aufforderte.

 

 Begrüßung und Einführung durch den Fachvorsteher Geschichte
 

"Liebe Schülerinnen und Schüler,

der 27. Januar ist in unserem Land – und seit diesem Jahr auch weltweit - der "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus". Das Datum verdankt sich der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vor 61 Jahren, im Jahr 1945. Heute, drei Tage nach dem eigentlichen Gedenktag, möchten wir in unserer Schule der Erinnerung und dem Gedenken Raum und Zeit geben.

Wir haben die besondere Ehre, einen Überlebenden von Auschwitz hören und befragen zu können. Ich begrüße ganz herzlich Henryk Mandelbaum. Ich begrüße auch ganz herzlich Steffen Hänschen, der sich als Dolmetscher zur Verfügung gestellt hat, und danke ihm dafür ganz herzlich.

Sehr geehrter Herr Mandelbaum. Dafür, dass Sie in einer weiten Reise aus Polen nach Kassel gekommen sind, sind wir, die gesamte Schulgemeinde der Albert-Schweitzer-Schule, Ihnen sehr dankbar. Sie machen uns ein großes Geschenk, wenn Sie uns die Möglichkeit geben, heute aus erster Hand zu erfahren, was Auschwitz war. Dass die Überlebenden sprechen, und auch noch öffentlich, ist nicht selbstverständlich. Umso höher schätzen wir Ihre Bereitwilligkeit dies heute zu tun.

Was ist uns als Geschichtslehrerinnen und -lehrern daran so wichtig?

Der Auftrag der Schule wird heute in der Öffentlichkeit oft sehr verkürzt. Im Zeichen von PISA und anderen Untersuchungen geht es im Kern darum zu fragen, was Schule für ganz allgemeine Fähigkeiten bedeutet, um die Frage, ob wir Lehrerinnen und Lehrer Schülerinnen und Schüler „fit“ machen für den Arbeitsmarkt.

Dafür leistet auch der Geschichtsunterricht einen Beitrag.  Aber uns geht es – nicht nur heute – vor allem noch um etwas anderes. Und Schule insgesamt bedeutet mehr als die Vorbereitung auf einen Beruf. Schule kann nicht wertfrei sein. Das ist klassisch von einem der bedeutendsten deutschen Philosophen und Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, Theodor W. Adorno, vor ca. 40 Jahren formuliert worden. Sein Text unter der Überschrift "Erziehung nach Auschwitz" beginnt so:

"Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, dass man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen hätte etwas Unge­heuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug. Dass man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewusst macht, zeigt, dass das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom dessen, dass die Möglichkeit der Wiederholung, was den Bewusstseins- und Unbewusstseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht. Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, dass Auschwitz nicht sich wiederhole. Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fort­dauern. Das ist das ganze Grauen."

Um dieser Forderung nachzukommen ist zunächst die Kenntnis dessen erforderlich, was in Auschwitz geschah. Dazu haben wir jetzt alle die außergewöhnliche Gelegenheit, das von einem Menschen zu erfahren, der Zeuge war und auch bereit ist, darüber zu sprechen. 
   

Sehr geehrter Henryk Mandelbaum, Sie haben einmal gesagt:  „Wenn ich das überlebe, muss ich sagen, was ich gesehen habe.“ Sie werden das gleich tun und uns dabei das „Grauen“ und die „Ungeheuerlichkeiten“ nicht ersparen.

Unsere Schule trägt den Namen eines großen Menschen. - Albert Schweitzers; des Friedensnobelpreisträgers wichtigste Forderungen waren die nach der Ehrfurcht vor dem Leben und nach Frieden. Ich glaube, das ist auch das, was Ihnen, lieber Herr Mandelbaum, heute besonders am Herzen liegt - und auch uns.

   

Liebe Schülerinnen und Schüler, vor ein paar Jahren hatten wir einmal an unserer Schule ein jüdisches Ehepaar aus Stockholm zu Gast, das von Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus in Kassel erzählte. Die beiden begannen mit dem Satz: "Fragt uns, wir sind die letzten, die Zeugnis ablegen können." Henryk Mandelbaum wird Ihnen jetzt aus seinem Leben berichten und damit Zeugnis ablegen. Sie haben anschließend Gelegenheit ihm Fragen zu stellen. Bitte nutzen Sie dies."

 

 

Bericht der HNA vom 31.01.2006:

„Universität des Lebens“

Auschwitz-Überlebender sprach mit Jugendlichen der Albert-Schweitzer-Schule

Von Alexander Röder       

KASSEL. „Im Leben muss man auch Glück haben", sagt Henryk Mandelbaum mit ruhiger, großväterlich gütiger Stimme: „Und ich hatte Glück." Der heute 83-Jährige aus dem polnischen Olkusz hat Auschwitz überlebt, das von den Nazis verursachte Blutbad an den Häftlingen des Sonderkommandos, dem er angehörte, den Todesmarsch. Und er war einer der Ersten, der nach Kriegsende offen darüber berichtete, was hinter den Lagermauern in Auschwitz geschah.

 Am Montag sprach Henryk Mandelbaum vor Schülern der Kasseler Albert-Schweitzer­Schule über seine Erfahrungen im Konzentrationslager und stellte sich den Fragen der Jugendlichen.

„Ich selber habe nie eine Schule besucht", sagt Mandelbaum: „Ich war in der Universität des Lebens." Als Häftling im berüchtigten Sonderkommando war es seine Aufgabe, die in den Krematorien Ermordeten aus den Gaskammern zu zerren und in den riesigen Verbrennungsgruben verschwinden zu lassen - Tag für Tag, über Monate.

Aus allen von Deutschland besetzten Staaten fuhren täglich die Judentransporte ins Vernichtungslager nach Auschwitz. Bis Kriegsende starben dort mehr als 1,1 Millionen Menschen in den Gaskammern. Das Grauen von Auschwitz hat sich tief eingebrannt - in seinen Erinnerungen und in seiner Haut. 181 970 - die tätowierte Häftlingsnummer prangt noch heute auf seinem linken Unterarm.

Eine noch bis zum 12. März geöffnete Ausstellung im Kasseler Museum für Sepulkralkultur widmet sich dem Leben Mandelbaums (wir berichteten).

Nein, an Gott glauben könne er nach allem, was seine Augen haben sehen müssen nicht mehr, antwortet Mandelbaum auf die Frage einer Schülerin, ob ihm der Glaube Hoffnung zum Überleben gegeben habe. Mandelbaum: „Gott hat doch zugesehen, wie unschuldige Menschen ins Gas geschickt wurden."

Henryk Mandelbaum lächelt, seine Augen suchen im Halbdunkel der Aula, tasten sich durch beklemmendes Schweigen. „Das Leben ist schön, freuen Sie sich darauf", ruft er den Kasseler Jugendlichen zu.

„Sie sind junge und gute Menschen - was kann ich Ihnen wünschen außer Gesundheit und Glück?"

Zur Biografie von Henryk Mandelbaum und zu detaillierten Informationen über das Sonderkommando in Auschwitz gelangt man über http://www.sonderkommando-studien.de