Lesung mit Michael Jürgs II

Einführung in die Veranstaltung durch den Fachvorsteher in Geschichte

 

Liebe Schülerinnen und Schüler, 

es hat schon ein wenig Tradition, dass wir versuchen, euch Geschichte in einer etwas anderen Form, nämlich einer literarischen, nahe zu bringen.

In dieser Aula las Serdar Somuncu aus Hitlers Buch „Mein Kampf“ und entlarvte dadurch dessen braunes Gedankengut – wie die örtliche Zeitung schrieb.

In dieser Aula las Sally Perell eindrucksvoll aus seinem autobiographischen Buch "Hitlerjunge Salo-mon".

Hier gab der Nobelpreisträger Günter Grass Proben aus seiner Sicht des letzten Jahrhunderts.

Heute freue ich mich ganz besonders, den Autor zahlreicher erfolgreicher Bücher und ehemaligen Chefredakteur des Stern, Michael Jürgs zu begrüßen.

 

Michael Jürgs hat sich in seinem letzten Buch, das er uns heute vorstellt, eines besonders wichtigen Themas angenommen: des Ersten Weltkrieges, der die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts war. Eine Urkatastrophe, weil aus ihrem Schoß noch weitaus schlimmere Katastrophen des Jahrhunderts erwuchsen. Dennoch ist dieser Krieg in Deutschland in der Erinnerung nicht in gleichem Maße aufbewahrt wie in unseren Nachbarländern, wird bei uns überlagert von der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges.

Michael Jürgs hat sich intensiv dieser „Urkatastrophe“ angenommen, darüber hinaus aber ist das, worüber er in seinem Buch berichtet, in Deutschland weitgehend unbekannt – auch hier wieder anders als in unseren Nachbarstaaten.

Sein Buch handelt vor allem von der Sehnsucht des „kleinen Mannes“ nach Frieden und davon, wie er versuchte im Rahmen seiner beschränkten Handlungsmöglichkeiten dafür einzutreten.

Selbstverständlich ist dieser Blick auf den Ersten Weltkrieg nicht, wie zum Beispiel ein Rückblick auf die Geschichte unserer Schule und der Schule, die in unserem Gebäude früher beheimatet war, zeigt.

Ein Foto aus dem Jahr 1914, dem Jahr des Kriegsbeginns, aufgenommen vor unserer Schule, zeigt Abiturienten jubelnd und Hüte schwingend – nicht nur wegen des vorzeitig bestandenen Abiturs, sondern auch, weil sie nun die Möglichkeit haben, in den Krieg zu ziehen. Der Unterricht hat entsprechend gewirkt.
Süß und ehrenvoll sei es, für das Vaterland zu sterben, hat man da gelernt.

In der folgenden Zeit melden sich dementsprechend viele Schüler Kasseler Jungengymnasien vorzeitig freiwillig – in den fast sicheren Tod, den diejenigen nicht zu befürchten haben, die hinter der Front oder aus den Hauptquartieren heraus die Befehle geben – z. B. für einen Sturmangriff, der fast einen sicheren Tod bedeutete.

In Todesanzeigen für Schüler der Oberrealschule 1, die damals in unserem Gebäude war, heißt es:

"Am 25. April 1915, beim Sturmangriff … starb den Heldentod fürs Vaterland unser unvergesslicher, innigstgeliebter, hoffnungsvoller Sohn, Bruder, Enkel, Pate, Neffe und Vetter Willy Bischof Kriegsfreiwilliger im Reserve-Infanterie-Regiment 235, im 17. Lebensjahre."

"Am 28. Oktober 1916 musste unser lieber, herzensguter, einziger Sohn und Bruder Fritz Volland Kriegsfreiwilliger im 22. Reserve-Feldartillerie-Regiment sein blühendes Leben im noch nicht vollendeten 19. Lebensjahr dahingeben. Von Beileidskundgebungen möge man gütlichst Abstand nehmen."

Willy Bischof war 16, Fritz Volland 18, als sie sterben mussten. – Wie alt seid ihr?

Wollten sie sterben? Wollt ihr sterben?
Beide sind freiwillig in den Krieg gezogen. Wirklich freiwillig?

Die Todesanzeige für Willy Bischof versucht noch, dem Geist der Zeit und den gängigen Formeln entsprechend, seinem Sterben einen Sinn zu geben. Als Held habe er bei einem Sturmangriff dem Vaterland sein eigenes Leben als Opfer gebracht.

Wie lange lag er tot zwischen den Fronten, im Niemandsland?

Die Todesanzeige für Fritz Volland spricht nur noch von einem Zwang zu sterben. Liegt im „Heldentod fürs Vaterland“ vielleicht noch ein gewisser Trost, so verbitten sich die Eltern und Geschwister von Fritz Volland jegliches Beileid – die Möglichkeit eines Trostes sehen sie nicht.

Haben Sie jemals seinen Tod an seinem Grab beweinen können?

Im Jahr 1933 weiht unsere Schule – damals in der Wilhelmshöher Allee – ein Denkmal für ihre 164 ehemaligen gefallenen Schüler ein. Ein Pfarrer findet Worte, die keinen Zweifel über den Tod im Ersten Weltkrieg lassen sollen und ihm eine religiöse Weihe geben:

"Sie warfen ihr junges Leben in die Bresche, da das Vaterland rief. Sie dachten wohl daran, dass das Leben der Güter höchstes nicht ist und dass es Werte gibt, für die man sterben kann und für die man sterben muss … . Sie erlebten den Tod über den Eigennutz und die Ichsucht. Das muss uns heute Mahnung sein ... ."

Noch eindeutiger waren die Worte des Gauleiters der NSDAP, der auf den geplanten zukünftigen Krieg einstimmte:

"Die deutsche Jugend ist bestrebt, ihren Vätern gleich zu werden, die draußen auf den Schlachtfeldern für Volk und Vaterland gefallen sind."

Mit der gleichen Absicht wird auf unserem Schulgelände Ende der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts Gefallenen Schülern des Ersten Weltkriegs ein Denkmal gesetzt. Die meisten Schülerinnen und Schüler nehmen den martialischen Kopf mit einem Stahlhelm kaum wahr, der noch heute auf unserem Schulgelände steht.

Ein Jahrbuch der Adolf-Hitler-Schule, die damals in unserem Gebäude war, widmet sich den gefallenen Schülern des Ersten Weltkrieges und stellt sie alle als Helden dar, die mit Überzeugung in diesen Krieg zogen. Nur eine Stelle hat der damalige Zensor übersehen. Hier heißt es: "Er musste viel zu früh sterben."

9 Millionen Menschen mussten im Ersten Weltkrieg vie zu früh sterben.

Der Erste Weltkrieg. Er wurde immer wieder benutzt zur Förderung der Bereitschaft, in den nächsten zu ziehen.

Michael Jürgs schreibt nicht die Geschichte von herkömmlichen Helden oder großen Feldherren. Er schreibt eine etwas andere Geschichte des Ersten Weltkrieges, die von denen handelt, die leben wollten und gerne darauf verzichtet hätten, nach ihrem Tod zum Helden erklärt zu werden, die gezwungen waren den zu töten, gegenüber dem sie keinerlei persönliche Feindschaft empfanden.

Diese Geschichte hat er gründlich recherchiert und beschrieben. Den kleinen Mann in der Mittelpunkt zu rücken und die Frage des Friedens entspricht einem Anliegen, das auch das Anliegen eines demokratischen Geschichtsunterrichts ist, und deshalb sind wir froh, dass uns Michael Jürgs heute diese Geschichte erzählt.

In Zeiten, in denen es immer noch Kriege gibt, bin ich und solltet ihr auf die Lesung gespannt sein.

Sie wurde möglich durch die Zusammenarbeit unserer Schule mit der Buchhandlung am Bebelplatz. Ich danke dafür insbesondere Herrn Robbert. Ich danke ganz besonders Herrn Jürgs, dass er uns heute sein wichtiges Buch vorstellt.