Wider das Vergessen

Erinnern und Gedenken an unserer Schule

  

"Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd."
(Christa Wolf, Kindheitsmuster)

 

Mit diesem Zitat endete die jüngste Veranstaltung im Rahmen einer Reihe von klassen- und kursübergreifenden Veranstaltungen und Aktionen, mit denen das Fach Geschichte unseren Schülerinnen und Schülern die Auseinandersetzung mit der (vornehmlich) deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts seit etwa zehn Jahren ermöglichen will. Seit dem Erscheinen des letzten Jahrbuches im Jahr 2004 waren das insbesondere:

 

  • eine Lesung mit Michael Jürgs aus seinem Buch "Der kleine Frieden im Großen Krieg", in dem es um Ereignisse an der Westfront des Ersten Weltkrieges geht, als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten und Fußball spielten, statt sich weiter zu töten (2004)

  • die Arbeit einer ganzen Reihe von Schülerinnen und Schülern als Ausstellungsbegleiterinnen und  -begleiter für Schulklassen in der Ausstellung zu Anne Frank im Stadtmuseum (2005)

  • damit im Zusammenhang ein Lese- und Schreibwettbewerb zum Tagebuch der Anne Frank (2005)

  • ein Vortrag des ehemaligen Kollegen Hans Weckesser über seine Erlebnisse als jugendlicher Soldat am Ende des Zweiten Weltkrieges anlässlich des 60. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges (2005)

  • die Schilderungen des Überlebenden des Sonderkommandos von Auschwitz Henryk Mandelbaum über seine Jugend und Auschwitz: "Nur die Sterne waren wie gestern" (2006)

  • der Bericht der Zeitzeugin und Auschwitzüberlebenden Halina Birenbaum aus Israel über den Völkermord: "Die Hoffnung stirbt zuletzt" (2007)

  • die Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der sogenannten "Reichskristallnacht", eine Tonbilddokumentation mit dem Titel „Im ganzen Reich der erste Stein. Der Novemberpogrom gegen die Juden in Kassel" (2008).

 

Was wir damit beabsichtigen, mögen zwei Auszüge aus Reden deutlich machen, die in die Veranstaltungen einführten. Vor der Veranstaltung mit Henryk Mandelbaum aus Polen, der einer der ganz wenigen Überlebenden des Kommandos ist, das in Auschwitz an den Gaskammern und Krematorien arbeiten musste, äußerte sich der Fachvorsteher:

 

"Der 27. Januar ist in unserem Land - und seit diesem Jahr auch weltweit - der ‘Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus’. Das Datum verdankt sich der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vor 61 Jahren, im Jahr 1945. Heute, drei Tage nach dem eigentlichen Gedenktag, möchten wir in unserer Schule der Erinnerung und dem Gedenken Raum und Zeit geben. Wir haben die besondere Ehre, einen Überlebenden von Auschwitz hören und befragen zu können.

Sehr geehrter Herr Mandelbaum. Dafür dass Sie in einer weiten Reise aus Polen nach Kassel gekommen sind, sind wir, die gesamte Schulgemeinde der Albert-Schweitzer-Schule, Ihnen sehr dankbar. Sie machen uns ein großes Geschenk, wenn Sie uns die Möglichkeit geben, heute aus erster Hand zu erfahren, was Auschwitz war. Dass die Überlebenden sprechen, und auch noch öffentlich, ist nicht selbstverständlich. Umso höher schätzen wir Ihre Bereitwilligkeit, dies heute zu tun. Was ist uns als Geschichtslehrerinnen und -lehrern daran so wichtig?

Der Auftrag der Schule wird heute in der Öffentlichkeit oft sehr verkürzt. Im Zeichen von PISA und anderen Untersuchungen geht es im Kern darum zu fragen, was Schule für ganz allgemeine Fähigkeiten bedeutet, um die Frage, ob wir Lehrerinnen und Lehrer Schülerinnen und Schüler ‘fit’ machen für den Arbeitsmarkt. Dafür leistet auch der Geschichtsunterricht einen Beitrag. Aber uns geht es - nicht nur heute - vor allem noch um etwas anderes. Schule insgesamt bedeutet mehr als die Vorbereitung auf einen Beruf. Schule kann nicht wertfrei sein. Das ist klassisch von einem der bedeutendsten deutschen Philosophen und Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, Theodor W. Adorno, vor ca. 40 Jahren formuliert worden. Sein Text unter der Überschrift ‘Erziehung nach Auschwitz’ beginnt so:

‚Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, dass man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen, hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug. Dass man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewusst macht, zeigt, dass das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom dessen, dass die Möglichkeit der Wiederholung, was den Bewusstseins- und Unbewusstseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht. Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, dass Auschwitz nicht sich wiederhole. Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen.'

Um dieser Forderung nachzukommen, ist zunächst die Kenntnis dessen erforderlich, was in Auschwitz geschah. Dazu haben wir jetzt alle die außergewöhnliche Gelegenheit, das von einem Menschen zu erfahren, der Zeuge war und auch bereit ist, darüber zu sprechen.- Sehr geehrter Henryk Mandelbaum, Sie haben einmal gesagt: ‘Wenn ich das überlebe, muss ich sagen, was ich gesehen habe.’ Sie werden das gleich tun und uns dabei das ‘Grauen’ und die ‘Ungeheuerlichkeiten’ nicht ersparen.

Unsere Schule trägt den Namen Albert Schweitzers. Des Friedensnobelpreisträgers wichtigste Forderungen waren die nach der Ehrfurcht vor dem Leben und nach Frieden. Ich glaube, das ist auch das, was Ihnen, lieber Herr Mandelbaum, heute besonders am Herzen liegt - und auch uns."

 

Nora Wohlfarth, die 2004 an der ASS Abitur machte und in Gedenkstätten arbeitete, führte in die Veranstaltung mit der Auschwitzüberlebenden Halina Birenbaum ein, die dem 69. Jahrestag des Novemberpogroms 1938 gewidmet war. Nach einer Begrüßung in deutscher und polnischer Sprache, der Muttersprache Halina Birenbaums, führte sie unter anderem aus:

 

"Mit dieser Veranstaltung am Jahrestag der Pogromnacht sollen nicht nur Informationen über das Dritte Reich und den Mord an den europäischen Juden vermittelt werden. Es gilt auch, sich an die Opfer zu erinnern und ihrer zu gedenken.

Erinnern und Gedenken, mit diesem Wortpaar verbindet man oft Kranzniederlegungen und lange Reden. Rituale also, die hier in der Bundesrepublik ein Teil des ganz normalen politischen Geschehens sind. Heute, so lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erscheinen vielen diese Rituale eher mechanisch, wenn nicht sogar sinnlos zu sein. Geschichte ist doch vorbei, was geht uns das an, fragen sich viele. Die Frage ergibt sich nur, wenn man Geschichte auf das reduziert, was sie in Schulbüchern oder auch bei Wikipedia zu sein scheint: zwangsläufig und unabänderlich so geschehen, wie sie geschehen ist. Vielleicht ergibt es sogar Sinn, wenn man über Geschichte liest, und dann das eine zum anderen führt, scheinbar so ganz vorherbestimmt.

Aber Geschichte, das sind immer die Geschichten von handelnden Personen und nicht nur chronologische Abfolgen von Ereignissen, also auch von Personen, die - zum Beispiel während der Pogromnacht - entschieden haben, sich an der Diskriminierung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und Andersdenkenden zu beteiligen. Und wenn man diese einzelnen Entscheidungen betrachtet, ergibt Geschichte nicht mehr so einfach Sinn und stellt sich eben nicht mehr als so zwangsläufig dar.

Doch genau diese handelnden Personen, die ihren Handlungsspielraum so unterschiedlich genutzt haben, verschwinden manchmal, wenn von Geschichte die Rede ist. Geschichte sind aber nicht nur einige Hauptverantwortliche wie Adolf Hitler, Goebbels, Himmler und die angeblich nur verführten, gezwungenen Deutschen, denen große Zahlen anonymer Opfer gegenüberstehen. Sie ist auch die Geschichte der Frauen, die sich in Ravensbrück ganz freiwillig um einen Posten als KZ-Aufseherin bewarben, um sich dort schnell der herrschenden Gewalt anzupassen, und gleichfalls die Geschichte von Halina Birenbaum, die als junges Mädchen von Auschwitz als Häftling nach Ravensbrück kam. Sie berichtet in ihrer Biographie viel von solchen Handlungsspielräumen. Durch geschickte Entscheidungen konnte z. B. ihre Mutter die Familie im Ghetto lange vor der Deportation bewahren. Ich finde es sehr wichtig, sich auch diese Entscheidungsmöglichkeiten immer wieder zu verdeutlichen. Aktiv handelten nicht nur die Täter.

Insofern bedeuten Gedenken und Erinnern auch, der Geschichte ein Gesicht zu geben, uns klarzumachen, dass Menschen gehandelt haben. Und damit meine ich nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer. Deren Handlungsspielraum aber war auf ein Minimum reduziert und ihre Entscheidungen mussten sie fällen in einer von den Nazis pervertierten Umgebung. Aber auch auf der Seite der Opfer handelte jeder Einzelne und gestaltete sein Schicksal, so weit das irgend möglich war. Das sollten wir nicht vergessen.

Es ließen sich viele Fragen aufwerfen über Erinnern und Gedenken, und es ist wichtig, sich immer wieder zu fragen, wie es geschehen soll und was man damit bezweckt. Für mich zeigt diese Veranstaltung heute eine der möglichen Funktionen. Nämlich die Geschichte aus den Geschichtsbüchern und Archiven und Bibliotheken herauszuholen. Sie ist nämlich nicht nur Brötchengeber der Historiker und Geschichtslehrer, sondern auch eure Geschichte, wenn sie immer wieder und hier ganz besonders die Frage stellt, wozu Menschen in der Lage sein können - im negativen wie im positiven Sinne. Es geht auch um eure eigenen Fragen. Gedenken ist eben kein Ritual, das man passiv über sich ergehen lässt, sondern die aktive Aneignung von Geschichte durch jeden Einzelne und jede Einzelne.

Ich bin froh, dass Halina Birenbaum uns ihre persönliche Geschichte erzählt. Bitte nutzt die Gelegenheit, ihr die Fragen zu stellen, die euch bewegen. Als Konsequenz aus ihren Erlebnissen hat sie sich dafür entschieden, ihre Geschichte immer wieder zu erzählen, und vor dieser Entscheidung habe ich großen Respekt. Sie sagt selber, dass das Böse erkundet werden müsse, auch wenn es uns schwer fällt und wir kaum Worte finden. Das sei aber kein Grund aufzugeben. Ihr heutiges Engagement zeigt das.“"

 

Wir Geschichtslehrerinnen und -lehrer werden diese Bemühungen fortsetzen, auch wenn es immer schwerer und bald unmöglich sein wird, Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen und zu befragen. Die Resonanz bei unserer Schülerschaft gibt uns bisher Recht:

 

Bericht der HNA vom 31.01.2006:

 

"Universität des Lebens"

Auschwitz-Überlebender sprach mit Jugendlichen der Albert-Schweitzer-Schule

Von Alexander Röder

 

KASSEL. "Im Leben muss man auch Glück haben", sagt Henryk Mandelbaum mit ruhiger, großväterlich gütiger Stimme: "Und ich hatte Glück." Der heute 83-Jährige aus dem polnischen Olkusz hat Auschwitz überlebt, das von den Nazis verursachte Blutbad an den Häftlingen des Sonderkommandos, dem er angehörte, den Todesmarsch. Und er war einer der Ersten, der nach Kriegsende offen darüber berichtete, was hinter den Lagermauern in Auschwitz geschah.

Am Montag sprach Henryk Mandelbaum vor Schülern der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule über seine Erfahrungen im Konzentrationslager und stellte sich den Fragen der Jugendlichen.

"Ich selber habe nie eine Schule besucht", sagt Mandelbaum: "Ich war in der Universität des Lebens." Als Häftling im berüchtigten Sonderkommando war es seine Aufgabe, die in den Krematorien Ermordeten aus den Gaskammern zu zerren und in den riesigen Verbrennungsgruben verschwinden zu lassen - Tag für Tag, über Monate.

Aus allen von Deutschland besetzten Staaten fuhren täglich die Judentransporte ins Vernichtungslager nach Auschwitz. Bis Kriegsende starben dort mehr als 1,1 Millionen Menschen in den Gaskammern. Das Grauen von Auschwitz hat sich tief eingebrannt - in seinen Erinnerungen und in seiner Haut. 181970 - die tätowierte Häftlingsnummer prangt noch heute auf seinem linken Unterarm.

Eine noch bis zum 12. März geöffnete Ausstellung im Kasseler Museum für Sepulkralkultur widmet sich dem Leben Mandelbaums (wir berichteten).

Nein, an Gott glauben könne er nach allem, was seine Augen haben sehen müssen, nicht mehr, antwortet Mandelbaum auf die Frage einer Schülerin, ob ihm der Glaube Hoffnung zum Überleben gegeben habe. Mandelbaum: "Gott hat doch zugesehen, wie unschuldige Menschen ins Gas geschickt wurden."

Henryk Mandelbaum lächelt, seine Augen suchen im Halbdunkel der Aula und tasten sich durch ein beklemmendes Schweigen. "Das Leben ist schön, freuen Sie sich darauf", ruft er den Kasseler Jugendlichen zu. "Sie sind junge und gute Menschen - was kann ich Ihnen wünschen außer Gesundheit und Glück?"

 

"Wider das Vergessen" bestimmt auch die Arbeit der WERKSTATT GESCHICHTE an unserer Schule, die in den letzten Jahren weitere Publikationen vorgelegt und Veranstaltungen durchgeführt hat. Immer wieder stoßen wir dabei aber auch auf Einwände: Dass man diese Vergangenheit doch einmal ruhen, vergehen lassen sollte. Dazu schreibt Christoph Hein:

 

"Vergangenheit vergeht nicht, kann nicht vergehen, so wie die Toten nicht sterben und kein zweites Mal begraben werden können. Vergangenheit ist die aktuelle Chance von gestern. Wir haben sie genutzt oder vertan, sie ist unkorrigierbar geworden, aber auch unvergänglich. Wir müssen mit ihr leben, sie gehört zu unserem Leben, zu unserer Gegenwart wie zu unserer Zukunft. (…) Zukunft und Gegenwart vergehen, sind vergänglich - die Vergangenheit ist es nicht" (Christoph Hein, Die Zeit, die nicht vergehen kann oder Das Dilemma des Chronisten).

 

2004 veröffentlichen wir die Dokumentation "Der Traum von der Hauptstadt. Wie Kassel 1949 verlor", in der es um die Bewerbung Kassels als Bundeshauptstadt geht, und fertigten im gleichen Jahr eine kleine lokale Quellensammlung für die Wanderausstellung "Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945" im Kulturbahnhof an.

2005 erarbeiteten wir im Begleitprogramm zur Ausstellung über Anne Frank im Stadtmuseum eine Lesung zum Schicksal jüdischer Kassel Kinder und Jugendlichen. Der Lesung im Stadtmuseum lagen Lebenserinnerungen ehemaliger Schülerinnen der heutigen Heinrich-Schütz-Schule und andere Dokumente zu Grunde, die Ausgrenzung, Verfolgung und Entrechtung unter dem Nationalsozialismus und aktive Reaktionen der Betroffenen an Einzelschicksalen deutlich machen.

2005 erschien unsere Dokumentation "Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen. Straßennamen, Geschichte und Geschichtspolitik", in der wir Auskunft geben über die Bedeutung von Straßennamen im Vorderen Westen und die Veränderungen, die sie im Laufe der Zeit erfuhren sowie deren zumeist politische Hintergründe. In ähnlicher Form gibt die Dokumentation "Wege von Frauen. Kasseler Straßennamen, Geschichte und Geschichtspolitik" (2006) Auskunft über Namensgeberinnen, eingebettet in Exkurse zur Geschichte der Frauen und der Frauenbewegung und vertieft um die Fragestellung, warum so wenige Straßen Kassels nach Frauen benannt sind. In beiden Fällen führte das auch zu öffentlichen Aktionen, indem auf dem August-Bebel-Platz und in der Helene-Lange-Straße Straßenschilder auf unsere Initiative hin (zum Teil auch mit unserem Geld) Erläuterungen zu den Namensgebern erhielten.

"In Auschwitz ermordet - das Schicksal der Lilli Jahn" war eine Lesung, die wir (2006) für das Begleitprogramm der Ausstellung zum Auschwitzhäftling Henryk Mandelbaum im Museum für Sepulkralkultur dort veranstalteten. Schülerinnen der Werkstatt Geschichte machten auf Verbindungen von Auschwitz mit unserer Region aufmerksam. Lilli Jahn wurde in Kassel verhaftet, in Breitenau eingesperrt, schließlich nach Auschwitz deportiert. Wie sie dort 1944 ums Leben kam, ist bis heute offen. Von Lilli Jahn und ihren Kindern sind zahlreiche Briefe erhalten. Ihr Enkel Martin Doerry hat vor allem diese zur Grundlage genommen, das Leben seiner Großmutter einfühlsam und differenziert der deutschen Öffentlichkeit vorzustellen, und damit eine hohe Aufmerksamkeit und Wertschätzung erreicht. Elisa Bischoff, Wiebke Harle, Juliane Sachschal und Stefanie Schäfer erarbeiteten auf dieser Grundlage eigenständig den Text für eine Lesung, die den Lebensweg der in Auschwitz Ermordeten vor allem mit deren eigenen Worten und denen ihrer Kinder in Erinnerung rief.

Zuletzt erinnerten wir mit unserer Dokumentation "Grenzen überschreiten. Kassel und Arnstadt 1989" an ein "Epochenjahr". Ursprünglich wollten wir in Erfahrung bringen, was sich hier im grenznahen Kassel ereignete, als die Mauer gefallen war, stellten dabei aber bald fest: 1989 war für Arnstadt und Kassel ein Jahr vielfältiger Grenzüberschreitungen. Die Partnerschaft zwischen beiden Städten sollte Grenzen überschreitbar machen. Flüchtlinge nutzten die neuen Chancen, die DDR zu verlassen, Demonstranten in Arnstadt gingen (eher als viele andere in der DDR) auf die Straße, sprengten die Ketten des Systems und klagten Veränderungen ein. Die DDR reagierte mit der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze. Massenhafte persönliche Begegnungen auch in Kassel beförderten den Gedanken an eine Wiedervereinigung, an die Aufhebung der Grenze. Zeitungs- und Stadtarchive in Kassel und Arnstadt halfen uns weiter, ein Höhepunkt war sicherlich ein ausführliches Gespräch mit dem damaligen Oberbürgermeister Hans Eichel. Mit diesem Projekt überschritten wir dann selbst die Grenzen der lokalen Geschichtsschreibung, interessierten uns für das, was in Arnstadt war, fuhren dorthin, machten uns mit dem Ort vertraut und recherchierten im lokalen Archiv. Die Ergebnisse unseres Buches stellten wir zudem als Lesung (wie bei den anderen Projekten auch) und als Ausstellung im Stadtmuseum (2009) der Öffentlichkeit vor, als ein Beitrag zur Städtepartnerschaft und ganz allgemein im Sinne der Einmischung in die lokale Erinnerungskultur.

 

Wolfgang Matthäus

in: Jahrbuch 2009 der Albert-Schweitzer-Schule Kassel, S. 54ff.