Aus Sicht des Lehrers

 

Werkstatt Geschichte - ein zartes Pflänzchen in unserer Schule
 

Für Dieter Laue in seinem letzten Jahr an unserer Schule...Wir werden ihn sehr vermissen.

 
Der Begriff allein löst mitunter Verwunderung aus: Was hat Geschichte in einer Werkstatt zu suchen, mit welchen Werkzeugen wird gearbeitet und was soll dort hergestellt werden, wenn doch alles, was gestern war, schon heute fertigeGeschichte ist?

 

 

"Grabe, wo du stehst!"

  

Die Geschichtswerkstättenbewegung, die am Ende der 70er und in den 80er Jahren begann, setzte sich vor allem auch eines zum Ziel: den Zusammenhang aufzuklären, in dem man unmittelbar lebt und dessen Bedeutung immer geschichtlich geworden ist. Es geht hinab in die lange vernachlässigten "Niederungen” des Alltags der Geschichte, in Begebenheiten am Ort, mit geschärftem Blick hinein in ein Gebäude, das wir doch eigentlich zu kennen glauben. Gegraben wird nach der Vergangenheit und dem Ursprung dessen, mit dem wir heute tagtäglich leben. Kein Buch liefert uns fertige Antworten auf unsere Fragen, wir graben selbst. Vielleicht werden wir fündig, vielleicht auch nicht - in unbeackertem Land fördern wir nicht immer etwas zutage, mitunter aber finden wir Schätze. "Geschichte” ist immer Erzählung von der Geschichte, Interpretation, abhängig von unseren Interessen, unseren Fragen. Wir haben uns für etwas interessiert. Dessen Geschichte erzählen wir, teilen sie anderen mit - so, wie wirsie verstehen.

 

 

Werkstatt

  

Der WERKSTATT GESCHICHTE geht es um Projekte, die meist nicht innerhalb eines kurzen Zeitraums durchgeführt werden können. Wir brauchen den langen Atem. Es gibt keine festen Arbeitszeiten, es kann aber vorkommen, dass wir uns zweieinhalb Tage lang z.B. in einer Jugendherberge außerhalb Kassels intensiv unserem Thema widmen. Wir fahren mitunter auch zu einem auswärtigen Archiv: in dem einen Fall vielleicht frustrierend, weil wir kaum fündig werden, dann aber ein "highlight" erlebend - wie in Günsbach im Albert­Schweitzer-Archiv, wo uns fast drei Tage die Schlüsselgewalt über zahlreiche Dokumente auf Mikrofiches, ein Haus, dessen Küche und ein Klavier überlassen wurde, das (wie Silke feststellte) wohl nicht mehr gestimmt worden war, seitdem Albert Schweitzer es zum letzten Mal benutzt hatte.

Niemand schreibt vor, um was es gehen soll. So arbeiteten und arbeiten - zum Teil im Rahmen des Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten: Protest in der Geschichte - verschiedene Gruppen u.a. an folgenden Themen:

  • die Revolution von 1848/49 in Kurhessen und insbesondere in Kassel (in diesem Fall ausgehend vom Unterricht im Leistungskurs Geschichte)

  • die Geschichte des Kriegerdenkmals in unserer Schule

  • die Geschichte unseres Schulgebäudes

  • der "wilde" Streik von Henschelarbeitern gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr 1958

  • die Aufsehen erregende Rede Martin Niemöllers gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr 1959 in der Aula der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel

  • die Rolle des Namensgebers unserer Schule als "Weltgewissen" im Protest gegen atomare Aufrüstung und Atombombenversuche

Gerade das letzte Thema zeigt allerdings, dass eine Geschichtswerkstatt sich nicht nur mit dem Alltag und einer Geschichte von unten zu befassen braucht, sondern auch dort verschüttete Erinnerung wieder ans Licht bringen und ihr neue Facetten hinzufügen kann, wo man doch glaubt sich auszukennen. Fällt uns nicht zu Albert Schweitzer der Pfarrer, Theologe und Musiker ein und vor allem anderen der Arzt in der dritten Welt, dessen Vermächtnis wir mit Rio Pachitea wachzuhalten versuchen? In den 50er Jahren war es Albert Schweitzers vordringliches Anliegen noch anderes zu sagen. Wir bekommen aus einem Archiv einen Brief Schweitzers und lesen, was er deshalb im März 1958 an einen befreundeten Physiker und Atomwaffengegner in der Bundesrepublik schrieb:

"Lieber Freund! Aus Amerika erfahre ich, was Euer Herr Strauss mit Leutnantschneid dort alles unternimmt, um Euch vor die Tatsache zu stellen, dass Deutschland Atomwaffen von Amerika übernommen hat, ohne dass Ihr Eure Meinung abzugeben hattet. Setzt Euch mit Geschrei zur Wehr, lasst alle Hunde los. Die Sache ist sehr ernst. Russland will, dass die Konferenz auf höchster Ebene den Verzicht auf Atomwaffen beschließt?, es ist ihm sehr ernst damit. Aber es wird es nicht hinnehmen, dass der Herr Dulles diese Konferenz, wie die beiden vorherigen, torpediert, sondern es wird auf seinem Willen bestehen. Also in Nichts nachgeben, es ist was, wo das Volk auf die Strassen gerufen werden muss. Dieser Tage werde ich auch mit meinem Namen auftreten."

Herzlich
Ihr
gez. Albert Schweitzer.

Einige Tage später richtete Albert Schweitzer, wie in dem Brief angekündigt, über Radio Oslo drei Appelle an die Menschheit, um sie über die Gefahren der atomaren Bewaffnung und Aufrüstung und der Atombombenversuche aufzuklären und sie davor zu warnen.

 

 

Ein Denkmal in unserer Schule. Nicht alle Toten sind gefallene Helden

  

Wir graben, wo wir stehen: Das Denkmal auf unserem Schulgelände ist unzweifelhaft da, wenn auch im Laufe der Zeit zwischen Buschwerk versteckt. Mancher Schülerin und manchem Schüler fiel und fällt es offensichtlich nie bewusst auf, obwohl es doch etwas sagen soll. Wer hat es wann errichtet, für wen, wer war der Künstler, der es schuf, wer bezahlte es, was sollte die Botschaft sein?

Wir finden kaum Antworten auf manche der selbst gestellten Fragen und stellen nach einiger Zeit fest: In unserer Schule steht ein Denkmal, dessen Errichtung so gut wie keinen schriftlichen Niederschlag gefunden hat, den wir heute noch ausgraben könnten, und an das sich viele, die es sicherlich sehr häufig in ihrer Schulzeit gesehen hatten, heute überhaupt nicht mehr erinnern können. Und dennoch nähern wir uns der Geschichte des Gefallenendenkmals, lernen diese Deutung und Sinngebung von Geschichte in Stein und Metall zu verstehen: Der anonyme Kopf eines Soldaten in Uniform erinnerte bei der Errichtung des DenkmaIs unzweifelhaft an die Schüler der Oberrealschule 1, die im Ersten Weltkrieg "gefallen” waren. Erich Volland war einer von ihnen, gerade 18 Jahre alt, als er dem Krieg zum Opfer fiel, in den er mit 16 - aus der 11. Klasse heraus - freiwillig gezogen war. Andere Schüler waren noch jünger begeistert in ihn gezogen. Welchen Anteil daran hatte die Schule?

Erich Volland und andere wurden mit dem Denkmal in der Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, der Zeit des Nationalsozialismus, zum Vorbild erklärt, dem es nachzueifern galt, denn für den geplanten Krieg wurden wieder Menschen gebraucht. Und nur zwanzig Jahre nach dem Ersten Weltkrieg starben erneut junge Menschen in einem sinnlosen Krieg — und nicht nur in diesem. Paul Mondschein, Abiturient des Jahres 1934, ereilten die tödlichen Kugeln im Konzentrationslager Buchenwald, allein deshalb, weil er Jude war. Gedachten die Ehemaligen auch seines Schicksals — unter dem Stahlhelm des Ersten Weltkrieges, als sie 1969 das Denkmal "ihren Toten” widmeten?

Nicht zum ersten Mal in unserer Schulgeschichte wirft das die Frage auf, wie umzugehen ist mit einem Denkmal, das ursprünglich die Bereitschaft zum Sterben im Krieg wecken und später die Erinnerung an den Tod ehemaliger Schüler wachhalten sollte. Und: Wie kann und sollte man derer gedenken, die — wie Paul Mondschein - Opfer eines rassistischen Wahns geworden waren? Sind wir aufgefordert, auch etwas zu "tun”?

 

  

Ein Jahrhundert wird besichtigt

 

Ein Jubiläum bildet den Anlass: Unser Gebäude wird hundert Jahre alt. Erneut graben wir am Ort. Ein Architekt hilft uns, die Architektur der Gebäude zu verstehen. Aus alten Plänen lesen wir z.B. heraus, dass der Musikraum im ersten Geschoss deshalb ein aufsteigender Hörsaal ist, weil er vom Ursprung her ein Chemieunterrichtsraum war, dass die Toilette für Jungen um 1900 Abtritt hieß, 18 Plätze aufwies und sich außerhalb des Gebäudes befand, im heutigen Lehrerzimmer die Abiturprüfungen stattfanden. Urteile vergangener Zeiten im Vergleich zu unserem heutigen Empfinden führen uns historischen Wandel vor Augen und wir betrachten genauer: "das hohe, lichte Gebäude", "die modernste Turnhalle Kasseler Schulen", "die revolutionäre Orgelwand". Wir stoßen auch auf Worte, die in dieser Schule gesprochen, Gedanken die hier gedacht wurden — dass es schön sei, für das Vaterland zu sterben, der Nationalsozialismus endlich die Volksgemeinschaft verwirkliche, Demokratie das Gebot der Stunde sei. Abiturienten des Jahres 1938 streiten in einem Gespräch mit uns miteinander, was es bedeutete, wenn sie 1935 in der Waldschule Handgranatenattrappen werfen, mit Kleinkalibergewehren schießen sollten. Politische Bedingungen veränderten aber auch das Aussehen der Schule im Inneren. Hier ergriff der Nationalsozialismus gleichfalls die Macht.

Mit vielem, was zur Zeit seiner Entstehung einmal als vorbildlich galt, kommen wir heute nur mühsam aus, müssen uns darin einrichten. Als das Gebäude 1898 an der Kölnischen Straße errichtet wurde, priesen die Verantwortlichen den lichten Standort in der grünen Umgebung des Stadtrandes. Niemand hatte damals eine Ahnung von dem Straßenverkehr einhundert Jahre später. Wir erfahren aber auch, dass Raummangel und Raumnot über fast ein Jahrhundert hinweg in diesem Haus gängige Vokabeln waren - und sind.

 

 

Wir kommen "barfuß" daher

  

Viel zu oft erweckt der Geschichtsunterricht den Eindruck, die Geschichte sei fertig, man brauche sie nur zu lernen. Schule scheint kaum die Chance zu bieten, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen. Wenn wir uns doch auf dieses Abenteuer einlassen, bedienen wir uns all der Werkzeuge und Methoden, deren sich auch der Historiker bedient, der sein Handwerk gelernt hat. Wir aber müssen sie uns erst aneignen bzw. lernen, kommen barfuß daher, erst nach und nach zu ein paar Schuhen, in denen wir sicher gehen können. Wir stehen vor Schwierigkeiten und Herausforderungen, die der Unterricht nur teilweise kennt. Es gilt, Spuren zu finden, aber diese bedürfen auch der Deutung. Wir las­sen uns ein auf learning by doing, suchen Archive auf, blättern in alten Zeitungen, bitten Institutionen um Hilfe, ziehen Literatur zu Rate, befragen Zeitzeugen:

  • Wo können wir zu unserem Thema etwas finden, wer kann uns behilflich sein? Welches Archiv könnte zu unserem Thema Unterlagen bewahrt haben? Wie finden wir Zeitzeugen?

  • Wer kann die Schrift auf dem Flugblatt aus dem Jahr 1848 richtig lesen?

  • Wie gehe ich mit dem Mikrofilm-Lesegerät in der Bibliothek um?

  • Wer entziffert die Handschrift von Albert Schweitzer. Warum schrieb er überhaupt diesen Brief?

  • Waren an dem wilden Streik der Henschelarbeiter in Kassel 1 958 1 0 000 Menschen beteiligt, wie Neues Deutschland behauptete, oder waren es - wie im Polizeibericht vermerkt - 500 bis 1 000, die auf dem Friedrichsplatz demonstrierten?

  • Was ist von dem zu halten, was Zeitzeugen aus ihrer Erinnerung heraus erzählen? Wie lösen wir Widersprüche auf, wenn sie ganz Unterschiedliches sagen? Gab es wirklich zu einer bestimmten Zeit kein Denkmal an unserer Schule, wenn mehrere Zeitzeugen übereinstimmend dies behaupten?

  • Wäre es richtig gewesen, wenn die Gewerkschaften sich 1958 mit einem Generalstreik gegen die vom Parlament beschlossene Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen gewehrt hätten?

  • Was sollte mit dem Denkmal in unserer Schule geschehen?

 

 

Wir stellen etwas her

 

Die Arbeit endet nicht mit der Recherche und unserer Interpretation von Geschichte. Wenn wir diese ande­ren mitteilen wollen, dann stehen wir unter dem besonderen Zwang, uns Gewissheit zu verschaffen, was wir herausgefunden haben und wie es sich mitteilen lässt. Wir suchen nach der Form für ein Produkt, das unsere Ergebnisse vermitteln kann - vielleicht, wie im Fall der Beschäftigung mit der Revolution von 1848/49 ein Liederabend und eine Ausstellung (die inzwischen auch in der rollenden Wanderausstellung ZeitZug im Kulturbahnhof zu sehen war), vielleicht eine eigene Publikation als Ergebnis unserer Spurensuche im eigenen Gebäude (die es immer noch zu kaufen gibt), vielleicht ...

Zu wünschen wäre, dass es immer wieder Schülerinnen und Schüler geben wird, die all das spannend und sich selbst bereichernd finden — und Menschen, die unsere Arbeit interessiert, denn: wir wollen auch etwas bewirken.

 
W. Matthäus

aus: Jahrbuch 99. Albert-Schweitzer-Schule Kassel, Kölnische Straße 89, Kassel 1999 S.52ff.