Aus Sicht einer Schülerin

 

Geschichtswerkstatt, was ist das?

  

Es ist Mittwoch, man hört schon das zweite Schellen, den Beginn der 7. Stunde. Ein Haufen leicht ermatteter Schüler steht vor dem Raum H 303. Einige haben sich noch schnell beim Hausmeister versorgt, andere Mägen knurren. Ihre Blicke sind gen Treppe gerichtet, wo sich soeben noch Schülermassen drängten - auf dem schnellsten Weg nach Hause.
Die eine Hälfte eines jeden Schülers träumt gewiss davon, ihnen zu folgen, doch die andere freut sich schon auf die eigentliche Koryphäe und den Leiter dieser netten Truppe, Herrn Matthäus. Und schon sieht man ihn die Treppe heraufstapfen mit einem Karton in der einen und seiner Aktentasche in der anderen Hand.
Im Karton sind Hefte, die die Geschichte des Bebelplatzes vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute dokumentieren. Sie sind reich an Bildern und Texten, die die Geschichte des Bebelplatzes aus ganz verschiedenen Blickwinkeln begutachten.
Natürlich war es viel Arbeit und ein langer Weg bis dahin. Über ein halbes Jahr trafen sich die Mitglieder der Geschichtswerkstatt regelmäßig, um unterschiedliche Aktionen unter dem Oberthema "Bebelplatz" anlässlich seiner Neugestaltung im Jahr 2002 zu planen. 
So bereiteten wir zum Beispiel eine Ausstellung im ,"Café am Bebelplatz" zu seiner Geschichte vor. Auf einem Stadtteilfest kümmerten wir uns um den Verkauf einer selbst produzierten Bebelplatz-Ansichtskarte mit einem Motiv aus dem Jahr 1914. 
Die positive- Resonanz war groß und. die Freude der Schüler demen­tsprechend auch. Wir hatten zwar für unsere Ausstellung schon viele Museen und Bildstellen durchforstet, doch galt es nun, noch interessante Texte und Zeitungsartikel zu finden.
Nachdem wir zahlreiche Dokumente aufgestöbert und den Verkauf - auch im ,,Buchladen am Bebelplatz” und auf einem weiteren Stadtteilfest - organisiert hatten, waren wir zwar ein wenig geplättet, doch nach dieser Aktion - sowie allen anderen Aktionen - hatten wir das Gefühl, etwas geleistet zu haben, bei dem wir auch noch allerhand gelernt haben: so zum Beispiel wie schwer, aber auch gut es ist, in einem Team zu arbeiten oder wie nervös man sein kann, wenn man vor ca. 50 fremden Menschen sitzt, um eine Lesung abzuhalten. Herr Matthäus hatte nämlich durch ein früheres Projekt Kontakt zu Lisel Kahn, die zur Zeit des Dritten Reichs als "blonde Jüdin" im Kirchweg aufgewachsen war. Ihre Biographie erwies sich als sehr interessant, amüsant, aber auch tragisch, so dass wir uns entschlossen, einige Passagen aus ihren Briefen in der Lesung vorzutragen.
Heute bekommen wir nun alle als Abschlussgeschenk eines ihrer selbst erschaffenen Meisterwerke "Vom Markt zum Bebelplatz" und schwelgen noch ein bisschen in gemeinsamen Erinnerungen.

 

Vielleicht seid ihr ja beim nächsten Mal dabei (eine Altersgrenze gibt es nicht) - eigene Vorschläge werden gerne angenommen.

 

Sarah Rieckmann, in: PicASSo, Schülerzeitung der Albert-Schweitzer-Schule Kassel, ½ (2002)