Archivreise nach Berlin

Prolog


Auf den Spuren dessen, was war -
der lange Weg in die Vergangenheit            

von Michaela Wintrich

 
Jeder Schüler lernt einiges über die Geschehnisse des Dritten Reiches, mehrmals wird man in seiner Schulzeit mit Hitler und dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert. Manch einen berührt dies nicht, andere nervt es, wieder andere interessieren sich stark, sehen eine Verantwortung, wenige fühlen sich schuldig.

Sehr oft jedoch bleibt es bei groben Zusammenhängen, die erlernt und mit anderen Daten und Fakten abgespeichert werden. Der tatsächliche Schrecken bleibt fast immer unermessbar, alles erscheint zu unwirklich, zu schrecklich und weit weg vom eigenen Leben. Der Lehrplan geht vom Ende des Zweiten Weltkriegs fließend in die doppelte Staatsgründung und die Probleme der jungen Staaten über. Kaum jemand jedoch lernt, dass zwischen diesen zweifellos wichti-gen Meilensteinen unserer Geschichte das Schicksal von mehr als zehn Millionen Menschen begraben liegt, die im Mai 1945 noch als Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter lebten - vom Schrecken der letzten Jahre gebeutelt, mittellos, heimatlos: Displaced Persons.

Doch nicht nur dies erfuhren wir, sondern auch, dass sich Lager dieser DPs in unserer unmit-telbaren Nähe, z. B. an der Hasenhecke, heutigen Wohngegenden, befanden. Plötzlich betraf Geschichte uns und unsere Heimat. Ungewöhnlich jedoch war, dass die Spuren, die Überreste dieser Geschichte nicht vor Ort in Kassel, sondern vor allem auch in Berlin zu finden sein sollten. Viele der alten Akten, Briefe, Korrespondenzen, Bestell- und Inventarlisten und Or-ganisationspläne sollten sich im Zentrum für Antisemitismus-Forschung in Berlin befinden, gebannt auf endlose Meter Mikrofilm.

Auf der Spur über die Lebensweise und Organisation in DP-Camps führt der Weg weit weg von Kasseler Archiven und dem Ort der Geschehnisse, in die Bundeshauptstadt, in die Tech-nische Universität, in einen großen Raum, in dem sich mit zahllosen Büchern beladene Regale aneinander reihen, zwischen denen sich zwei große, graue Mikrofilmgeräte verstecken. Stille herrscht hier, arbeitsame Stille für eine lesende junge Dame - sonst gähnende Leere. Zumin-dest bis jetzt, denn für die nächsten drei Tage ist das Mikrofilmgerät reserviert für die Gruppe aus Kassel, die auf den YIVO-Filmen nach Belegen für den Alltag und die Besonderheiten im DP-Camp Hasenhecke, nach Informationen über andere Lager in Kassel und überhaupt nach allem, was Kassel betreffen könnte, sucht.

Wir lassen die Reliquien unserer Zeit, unsere Taschen und Rucksäcke, in den Schließfächern im Flur vor dem Raum und sind in eine andere kleine Welt versetzt: die Welt der Informatio-nen und Erinnerungen. Eng ist es hier, wir stellen die Stühle an jede Seite des Mikrofilmgerä-tes, Hauptsache, der Monitor bleibt sichtbar. Die Filme liegen bereit, es sind Stapel von Bän-dern, die kaum zu bewältigen scheinen, und die freundliche Bibliothekarin führt uns in die Funktionsweise des Gerätes ein. Später werden wir auch Ermunterung erfahren durch eine wissenschaftliche Expertin auf dem Gebiet der jüdischen DPs.

Die Spannung steigt: Was werden wir finden? Was werden wir verstehen? Die ersten Doku-mente durchlaufen vor uns den Bildschirm, jeweils einer sitzt an dem kleinen Drehrädchen, das den Film bewegt, einer am Kopierknopf, einer am Auswurf des Druckers, einer liest ein-fach mit, alle versuchen, die Texte zu entziffern, einzuordnen und über die Wichtigkeit (Ko-pierwürdigkeit oder nicht) zu entscheiden. Wir können jetzt nur sammeln. Zu begrenzt ist die Zeit.

Die ersten Texte sind polnisch, was keiner von uns beherrscht – übrig geblieben vom polni-schen Lager Hasenhecke. Doch wir zeigen uns so enthusiastisch, dass wir ein polnisches Wör-terbuch holen, um einzelne Begriffe und somit eventuell den Zusammenhang zu entschlüs-seln. Arbeitsbescheinigungen müssen das sein, erfahren wir so. Diese Arbeit jedoch ist auf Dauer zu aufwändig, bald werden die wenigen polnischen Dokumente übersprungen. Auch hebräische Dokumente können wir nicht lesen, die Aufregung verfliegt schnell und es wird klar: Das hier wird viel Arbeit.

Doch wir stoßen mitunter, aber selten, auch auf deutsche Texte und vor allem immer wieder auf das Jiddische. Zunächst ist es schwer, den Inhalt zu erfassen, doch die Versuche, die Texte durch lautes Lesen zu verstehen, werden immer sicherer. Nach wenigen Sekunden ertönt meist in der kleinen Gruppe ein einmütiges “Weiter, unwichtig” oder “Halt! Ausdrucken!”, was wahlweise die Person am Drehrädchen oder am Kopierknopf in Aktion ruft, manchmal auch die Bibliothekarin, die uns zu mehr Ruhe bittet. Mit jedem Dokument nimmt die Sicher-heit in der fremden Sprache zu und es wird zunehmend leichter, zwischen wichtig und un-wichtig zu unterscheiden. In der Fantasie baut sich ein ganzes DP-Camp auf, mit seinen ver-schiedenen Instanzen, mit einzelnen Personen, die immer wieder auftauchen. “Der hat doch vorhin die Inventarliste verfasst - war er nicht auch einer von denen, die das Protokoll eben unterzeichneten?” “Und der hat jetzt etwas Schlimmes gemacht - oder warum ist er ange-klagt?” Namen auf alten Listen werden zu Bekannten, der Alltag wird plastischer, die Organi-sation etwas durchschaubarer. Der monotone Rhythmus aus Film spulen, gucken, kopieren und weiterspulen wird nur von Essenspausen unterbrochen, in denen man das Gesehene zu verbinden versucht, Auffälligkeiten bespricht.

Ab dem zweiten Tag wird in zwei Schichten gearbeitet, weil eben doch nicht viele um das Mikrofilmgerät passen. Die Routine geht jedoch weiter, Film spulen, gucken, kopieren und weiterspulen; bei der Ablösung informiert die erste Gruppe die Nachfolger, was geschah. Ge-schichte im Schnelldurchlauf und wir bestimmen die Geschwindigkeit durch Drehen am Räd-chen. Wurde am Anfang recht wenig kopiert, so nimmt die Anzahl der Kopien in der Ablage nun, in der Mitte der Arbeit, deutlich zu. Fast alles scheint wichtig, Kleinigkeiten werden of-fenbar, die fast persönliche Bindung zu manchen Gestalten weckt unsere Liebe zum Detail.

Während der freien Schicht bleibt die Geschichte in Berlin Mitte trotzdem lebendig, wo die alte Synagoge unter polizeilicher Bewachung der Öffentlichkeit zugänglich ist. Auch hier: Hebräisch, Jiddisch, Zusammenhänge. Und immer öfter die Frage: “Kann man sich das alles vorstellen, gerade bei uns?”

Am dritten Tag lässt der Informationsgehalt der Texte nach, immer mehr hebräische Doku-mente finden sich, Informationen werden wiederholt, die Anzahl der Kopien nimmt wieder ab. Langsam gleiten wir aus der Vergangenheit zurück in den Anfangszustand. Unsere Tro-phäen von der Reise in die Vergangenheit: Ein hoher Stapel Kopien, der auf Auswertung durch den Rest der Gruppe in Kassel wartet.

Als Abschluss der Zeitreise folgt ein Besuch im jüdischen Museum, das Fakten, Informatio-nen, Geschichte und eine ganze Kultur sowohl anschaulich, als auch künstlerisch und unheim-lich interessant präsentiert.

Die Zeit war zu kurz um alles zu erfassen. Das wird klar, als wir am nächsten Morgen mit den Kopien, die die Basis der weiteren Ergebnisse bilden, und vielen Gedanken aus der lebendi-gen Geschichte in Berlin nach Kassel, an den stummen Ort der Geschehnisse, an die eigentli-che Arbeit, zurückfahren. Die gesammelten Informationen müssen nun sortiert, gruppiert, vereinfacht und zum Schluss in aussagekräftige und verständliche Texte gefasst werden, die jedem Leser Einblicke in das Leben der DPs an der Hasenhecke nach 1945 geben sollen.