Heimatfront. Der Erste Weltkrieg in Kassel (2010-2012)

 

Fast zwei Jahre lang (2010-2012) recherchierten, analysierten, diskutierten und schrieben wir, um am Ende unsere eigene Geschichte Kassels im Ersten Weltkrieg in den Händen halten und auch der Öffentlichkeit übergeben zu können.

Wolfgang Matthäus (Hg.), Heimatfront. Kassel und der Erste Weltkrieg. Ein Beitrag zum 1100-jährigen Jubiläum der Stadt, Kassel 2012 Schriften der WERKSTATT GESCHICHTE an der Albert-Schweitzer-Schule Kassel Heft 9)

Den breiten Themenkatalog, den wir uns am Anfang vorgenommen hatten, konnten wir leider nicht in jedem Aspekt wirklich bearbeiten - auch weil wir nicht immer hinreichend Quellen fanden. Gleichwohl ist es uns gelungen eine ganze Reihe von Themen detailliert darzustellen und ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, die dort nicht unbedingt  eine Rolle spielen. Dabei stießen wir auch auf Überraschendes – zum Beispiel darauf, dass die Stadt auf fast allen Gebieten völlig unvorbereitet in diesen Krieg geschickt wurde und überall offenbar improvisiert werden musste, u. a. beim Lazarettwesen, vor allem der Ernährung der Bevölkerung und selbst bei der Rüstungsproduktion. Das war besonders verhängnisvoll für die Gefangenen in Niederzwehren, von denen Tausende an Fleckfieber sterben mussten. Dass diese Katastrophe, die heute in der öffentlichen Erinnerung praktisch keine Rolle spielt, zu einem Kriegsverbrecherprozess geführt hat, war ein überraschender Fund.

 

Aber bis zum Ergebnis war es ein weiter Weg, und es mussten auch mehr oder weniger weite Wege zurückgelegt werden. Sie führten uns u. a. ins Stadtarchiv Kassel und andere Archive in der Stadt, zur intensiven Zeitungslektüre an die Mikrofilmlesegeräte in der Murdhard’schen Bibliothek, zweimal in das Hessische Staatsarchiv Marburg und am Ende in die Hauptstadt, um im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde akribisch einen Aktenberg zum Kriegsverbrecherprozess im Zusammenhang mit dem Gefangenenlager Niederzwehren auszuwerten.

Überraschend war, dass wir gerade zu diesem Lager eine ganze Menge Fotos im Postkartenhandel fanden, die für Kassel vollkommen neu sind, allerdings die Verhältnisse im Lager nur beschönigend illustrieren können.


 

 

In unserem Buch geht es um:

  • „In hoher vaterländischer Begeisterung“? - Kriegsausbruch  

  • „Viele von ihnen waren sehr zu bedauern.“ - Die Stadt der  Verwundeten            

  • Eine Stadt der Gefangenen und Sterbenden - Das Lager Niederzwehren und ein Kriegsverbrecherprozess

  • Produzieren für den Krieg                

  • Hunger und Elend - Klassengesellschaft im Krieg

  • Opfern für das Vaterland                    

  • Arbeiter und Arbeiterbewegung im Krieg            

  • „Strickbataillone“ und Munitionsarbeiterinnen - „Die Kriegstätigkeit der Frauen“

  • „Eiserne Ruhe“ bewahren - Die Novemberrevolution

  • „Für Volk und Vaterland“? - Orte des Erinnerns

 

 

Im Vorwort heißt es:

 

1100 Jahre Geschichte der Stadt

 

„Zur Feier des tausendjährigen Bestehens der Stadt“ verfasste Hugo Brunner 1913 „im Auftrage des Magistrats“ seine „Geschichte der Residenzstadt Cassel“. Seitdem hat es keine wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Geschichte Kassels mehr gegeben. Durchaus sind einige ihrer Aspekte in dem zurückliegenden Jahrhundert neu erforscht und auch bewer­tet worden (wie vor wenigen Jahren zum Beispiel die Zeit des Königreichs Westphalen durch Publikationen und eine sehr beachtete auf­wendige Ausstellung), ohne dass neuere Forschungsergebnisse bisher zu einer zusammenhängenden „Erzählung“ von der Geschichte unserer Stadt geführt hätten oder auch nur ein Sammelband entstanden wäre, der vom Mittelalter bis in die Gegenwart reicht.

Eine zusammenhängende Darstellung fehlt selbst für die von Brunner 1913 nur kursorisch behandelte Zeit seit 1867, in der Kassel den Anschluss an die Moderne fand, sich in der lokalen Geschichte all die fortschritt­lichen Entwicklungen, aber auch Zivilisationsbrüche und Katastrophen des 19. und 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Für das 20. Jahrhundert sind einige wesentliche solcher Aspekte der Stadtgeschichte zum Teil gründlich erforscht oder auch dokumentiert: vor allem die Zeit des Nationalsozialismus (besonders durch die von der Stadt geförderten Aktivitäten der Universität) oder die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges (durch die akribischen Forschungen Werner Dettmars und die ergiebigen Forschungen zu Zwangsarbeitern, aber auch den Deserteuren). Der unmittelbaren Nachkriegszeit und Aspekten der 50er Jahre bis hin zur „Gastarbeiterfrage“ und damit der Migrationsgeschichte widmete das Stadtmuseums unter Federführung von Alexander Link immer wieder seine Aufmerksamkeit - u. a. in einer überregional beachteten Ausstellung. Es fehlt aber nach wie vor an einer Gesamtdarstellung der Kasseler Geschichte im 20. Jahrhundert oder auch nur an Monographien, die die Zeit der Bundesrepublik, der Weimarer Republik oder auch des Ersten Weltkrieges in den Mittelpunkt stellten. Im Kassel-Lexikon umfasst der Artikel zum Ersten Weltkrieg nur wenige Zeilen.

Die Zeit der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen auf die Stadt haben bislang offenbar vergleichsweise nur wenig Aufmerksamkeit gefunden; vor allem wohl deshalb, weil der ihm folgende Weltkrieg mit seiner unwiederbringlichen Zerstörung des Gesichts einer mehr als tausendjährigen Stadt wahrscheinlich das einschneidendste Ereignis der Stadtgeschichte war und deshalb im Zentrum der öffentlichen Auf­merksamkeit stand und steht - gerade auch im Jahr der documenta 13. Gleichwohl fanden wir es interessant und wichtig, einmal einen ausführlichen Blick zu richten auf die Jahre von 1914 bis 1918, die Zeit des ersten totalen Kriegs in Deutschland, der eben nicht nur an den Fronten ausgetragen wurde, sondern die „Heimat“, die Gesellschaft der Stadt, in bisher beispielloser Weise derart in den Krieg einbezog, dass der Begriff „Heimatfront“ dafür gebräuchlich wurde. Eine „Front“, an die die Stadt in fast jeder Hinsicht unvorbereitet geschickt wurde.

Wichtige Quellen dafür, eine Geschichte Kassels im Ersten Weltkrieg zu schreiben, fehlen leider. Zudem konnten wir als schulische Arbeitsgemeinschaft und damit als „Barfußhistoriker/innen“ die Aspekte des Themas nur unterschiedlich intensiv beleuchten. Manches, was gleichermaßen der historischen Betrachtung wert wäre, mussten wir leider unberücksichtigt lassen. Gleichwohl hoffen wir, die Stadtgeschichtsschreibung um die eine oder andere Facette für das, was hoffentlich einmal geschrieben wird, zu bereichern. Wir verstehen das als unseren Beitrag zum Jubiläum der Stadt im Jahr 2013.

Unser Dank gilt denen, die unsere Arbeit erst möglich gemacht haben: insbesondere Dr. Alexander Link vom Stadtmuseum Kassel, der uns wie immer wohlwollend und mit großem Interesse geduldig unterstützte und zudem einen Text für uns verfasste, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Stadtarchiv Kassel, dem Hessischen Staatsarchiv Marburg, dem Bundesarchiv, dem Archiv der Evangelischen Kirche von Kurhessen in Kassel, dem Archiv des Landwohlfahrtsverbandes, beim Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin und im Henschel-Archiv Kassel, dem Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel, dessen Gastfreundschaft wir erneut in Anspruch nehmen durften. Hilfreiche Hinweise und Unterstützung erhielten wir schon vor längerer Zeit von Dr. Walter Mühlhausen, der uns auch einige wichtige Archivalien zur Verfügung stellte, die für uns sonst nicht erreichbar gewesen wären. Helge Tismer war so freundlich, uns einiges aus seiner Sammlung zur Verfügung zu stellen.

Für wohlwollende materielle und damit auch finanzielle Unterstützung, ohne die unsere Veröffentlichung in dieser Form gleichfalls nicht möglich gewesen wäre, danken wir dem „Gedächtnis der Stadt“: dem Stadtmuseum und dem Stadtarchiv, die uns wie immer ihre fotografischen „Schätze“ zur Veröffentlichung freigaben.

 

Die Dokumentation wurde erarbeitet von:

Ines Ayeb | Svenja Brand | Moritz Ehrlich | Lars Geese | Romeo Glötzer | David Hees | Julia Henninger | Jana Kellner | Wolfgang Matthäus | Lukas Mock | Hanna Poloschek | Markus Rose

Leonhard Link und Julian Schüssler verfassten als Ehemalige auf der Grundlage eines früheren Projektes das Kapitel zur Novemberrevolution.

Alexander Link interpretierte für uns ein Foto aus der Ausstellung des Stadtmuseums.

Aus einem früheren Projekt zum Gefallenendenkmal an der Albert-Schweitzer-Schule flossen Ergebnisse in diese Dokumentation ein.

Daran beteiligt waren: Sonja Amalou | Silke Balk | Martha Kleist-Döhn | Wolfgang Matthäus

 

Die HNA berichtete am 7.12.2012 in ihrer online-Ausgabe und in der Zeitung, hier mit einer Sonderseite.

Vorstellung unseres  Buches am 30.01.2013 in der Schaustelle des Stadtmuseums.