Die Lesung im Stadtmuseum

 

 

Eröffnung der Lesung durch Stadtrat Hajo Schuy

Einen (vielleicht vorläufigen) Höhepunkt hatte das Projekt mit der Vorstellung unseres  Buches in der Schaustelle des Stadtmuseums, die wir auf Bitte des Museums in Zusammenarbeit mit ihm am 30. Januar 2013 in deren Schaustelle in der Wilhelmsstraße mit einer Lesung  gaben.
In der vollbesetzten Schaustelle ließen wir den Alltag in den Jahren des Ersten Weltkrieges in unserer Heimatstadt lebendig werden. Wir warfen Schlaglichter auf das, was in der Publikation „Heimatfront. Kassel und der Erste Weltkrieg“ ausführlich dokumentiert ist. Zeitgenössische Quellen und Fotos gaben einen anschaulichen Eindruck vom Alltag der breiten Masse der Bevölkerung, die unter Hunger und Mangel litt, der Frauen und Verwundeten oder von Kriegsgefangenen. Der Fleckfieberseuche im Kriegsgefangenenlager Niederzwehren mit vermutlich mindestens 2000 Toten innerhalb weniger Monate war ein besondere Schwerpunkt gewidmet. In unseren Recherchen waren wir auf ein Denkmal für diese toten Gefangenen gestoßen, das heute nicht mehr existiert. Ein Appell an die Stadt, am Keilsberg auf dem Langen Feld ein „Erinnerungszeichen“ zu schaffen, stand deshalb am Ende der Lesung zu einem bislang wenig beachteten Teil der Stadtgeschichte.
In der anschließenden regen Diskussion über diesen Teil der Stadtgeschichte, die Probleme der Recherche oder auch unsere Motive, sich dieses Themas anzunehmen, gab es viel Lob und einhellige Anerkennung für unsere Arbeit aus dem Publikum.
Dass Geschichte recherchieren, analysieren, interpretieren und dann mitzuteilen viel „Spaß“  machen kann – auch das erfuhr das Publikum. Klaus Wölbling vom Stadtmuseum fotografierte.

 

In der Schaustelle

 

Lukas Mock, Svenja Brandt, Hanna Poloschek und Ines Ayeb lesen


 

 

Jana Kellner sorgt für die Präsentation

 

 

Romeo Glötzer, David Hees und Julia Henninger „mischen sich mitunter ein“

– aus dem Publikum heraus

 

Das Ende unserer Lesung und der Appell an die Stadt:

 

Ein Denkmal kann auch verschwinden.

Am Rande des russischen Soldatenfriedhofs, außerhalb seiner Umfassung, ist ein Stein zu sehen, der an die in Kassel gestorbenen Kriegsgefangenen mehrerer Nationen erinnert. Eine zusätzlich angebrachte Plakette informiert mit folgendem Text:

 

 „1916 WURDE DIESER STEIN VON KRIEGSGEFANGENEN

BELGIERN, ENGLÄNDERN, FRANZOSEN UND RUSSEN

FÜR IHRE IM KRIEGSGEFANGENENLAGER KASSEL

VERSTORBENEN KAMERADEN ERRICHTET.

IM MAI 1959 WURDE ER BEIM WIEDERAUFBAU

DER IM KRIEGE 1939-1945 ZERSTÖRTEN STADT

IN DEN TRÜMMERN GEFUNDEN UND DURCH

BELGISCHE SOLDATEN AN DIESE STELLE GEBRACHT.“

 

 

Ein verschwundenes Denkmal auf dem Gelände des Kriegsgefangenenlagers Niederzwehren – errichtet von Gefangen im Jahr 1916

 

Woher kommt dieser Stein? Eine Postkarte, deren Foto von dem Kasseler Fotografen Strauß stammt, dokumentiert ein Denkmal zur Erinnerung an die kriegsgefangenen Toten, auf dem im Zentrum die Inschrift mit der auf dem noch vorhandenen Stein identisch ist. Wo aber ist das Denkmal, das ganz offensichtlich im Bereich des Lagergeländes bereits 1916 errichtet wurde? Wer hat es, aus welchen Gründen auch immer, wann entfernt? Wie kamen die Reste des Denkmals wieder auf das Friedhofsgelände? Das sind Fragen, die wir hier nur stellen, aber leider nicht beantworten können. Der heutige Stein bzw. das Denkmal sagen uns:

 

Militibus

Galliae Russiae

Britanniae Belgicae

in Chassallae castris defunctis

comilitones

MCMXIV-MCMXVI

[Requiescant in pace]

Diese Inschrift bedeutet: Den im Lager Kassel verstorbenen Soldaten Frankreichs, Russlands, Britanniens, Belgiens. Die Waffenbrüder 1914-1916. Mögen Sie in Frieden ruhen.

Die letzte Zeile ist auf dem erhaltenen Stein nicht mehr vorhanden. Das Denkmal ruhte offenbar nicht in Frieden.

 

Dass am Rande des Langen Feldes, auf dem Keilsberg, sich einmal ein riesiges Kriegsgefangenenlager befand, dass dort Tausende Menschen den Tod fanden, wird an diesem Ort nicht hinreichend vermittelt.

Die Stadt sollte aber an eine Tragödie erinnern, die sich vor ihren Toren abgespielt hat.

 

Die WERKSTATT GESCHICHTE hat immer wieder versucht, nicht nur historische Aufklärung zu leisten, sondern auch den Umgang mit der Geschichte zu problematisieren. Wir fragen, wie es um das öffentliche Gedächtnis der Stadt bestellt ist. Heute appellieren deshalb an die Verantwortlichen in der Stadt, in geeigneter Weise auf dem Langen Feld bei den Soldatenfriedhöfen  etwas zu schaffen, was das Verschwinden des Denkmals  ersetzt, an das Gefangenenlager und die Katastrophe dort erinnert. Wir helfen dabei gerne, dieser Erinnerung Form und Inhalt zu geben – gerade im Sinne  eines Europas des Friedens und der Völkerversöhnung.

Fotos: Klaus Wölbling (Stadtmmuseum)

Artikel dazu in der HNA vom 07.02.2013