das Schicksal der Lilli Jahn

Lesung im Museum für Sepulkralkultur

Die Lesung fand am 8.2.2006 im Museum für Sepulkralkultur statt. Die örtliche Zeitung berichtete.
 


Berichterstattung der HNA vom 10.2.2006


Den eigenen Kindern entrissen
Schülerinnen der Albert-Schweitzer-Schule lasen vom Schicksal der Lilli Jahn
von Helen Walter


Kassel. Das letzte Wort ist verklungen. Was folgt, ist kein tosender Beifall, sondern Stille. Bedrückende Stille, die sich im voll besetzten Museumsraum ausbreitet, so dass man eine Stecknadel zu Boden fallen hören könnte. Mancher Zuhörer hat Tränen in den Augen. Soeben endete die einstündige Lesung vierer Abiturientinnen über das Schicksal der Lilli Jahn.

Elisa Bischoff, Wiebke Harle, Juliane Sachschal und Stefanie Schäfer sind die Schülerinnen der Albert-Schweitzer-Schule, die am Mittwochabend vor rund 60 Gästen im Museum für Sepulkralkultur aus den berührenden Briefen der jüdischen Ärztin lasen, die in Immenhausen bei Kassel lebte und 1944 in Auschwitz ums Leben kam. Mithilfe des Buches „Mein verwundetes Herz“ von Martin Doerry, Enkel Lilli Jahns und stellvertretender Chefredakteur des „Spiegel“, erarbeiteten die Schülerinnen die Lesung trotz der herannahenden Abiturklausuren, die sie in wenigen Wochen bestehen müssen. „Lilli Jahn war eine zeitlose, sehr starke Frau“, sagt die 18-jährige Elisa. Bewundernswert sei ihre Fähigkeit gewesen, so große Liebe zu empfinden, trotz allem, was ihr in ihrem kurzen Leben Schreckliches widerfuhr, fügt Juliane (19) hinzu.

44 Jahre wurde Lilli Jahn alt. Verheiratet mit dem nicht jüdischen Arzt Ernst Jahn, der sie und die fünf Kinder für seine Geliebte verließ, verlor sie nach der Scheidung den Schutz der privilegierten Mischehe. Sie wurde verhaftet und von ihren Kindern, mit denen sie in Kassel in der Motzstraße lebte, ins Arbeitserziehungslager Breitenau fortgebracht.

Die Briefe, die sie an ihre Kinder schrieb und von diesen erhielt, lesen Wiebke, Elisa, Juliane und Stefanie langsam und deutlich vor. Auch der letzte Brief Lilli Jahns ist dabei, den sie während der Deportation nach Auschwitz schrieb, und der trotz aller Traurigkeit wohl aufmunternd für die Ohren der Kinder klingen sollte.

„Sehr authentisch“ fand Horst Krause-Willenberg von der Gedenkstätte Breitenau die Darbietung der Schülerinnen und lud sie anschließend ein, Lilli Jahns Gefängnis zu besichtigen, in dem noch heute an deren Schicksal erinnert wird.

Ein anderes Schicksal ist das des Henryk Mandelbaum, der Auschwitz überlebt hat, und zu dessen Person derzeit eine Foto-Ausstellung mit dem Titel „Nur die Sterne waren wie gestern“ im Museum für Sepulkralkultur zu sehen ist.
Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25-27, geöffnet dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, mittwochs 10 bis 20 Uhr.  

 

Riefen Betroffenheit hervor: Stefanie Schäfer (von links), Elisa Bischoff, Wiebke Harle und Juliane Sachschal lasen im Museum für Sepulkralkultur vom Schicksal der Jüdin Lilli Jahn. Im Museum ist eine Ausstellung über den früheren Auschwitzhäftling Henryk Mandelbaum zu sehen.