Rückblick 1999 - 2004

 

WERKSTATT GESCHICHTE
Zweiter Preisträger beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten


"Geschichtswerkstatt, was ist das?

Es ist Mittwoch, man hört schon das zweite Schellen, den Beginn der 7. Stunde. Ein Haufen leicht ermatteter Schüler steht vor dem Raum H 303. Einige haben sich noch schnell beim Hausmeister versorgt, andere Mägen knurren. Ihre Blicke sind gen Treppe gerichtet, wo sich soeben noch Schülermassen drängten - auf dem schnellsten Weg nach Hause.
Die eine Hälfte eines jeden Schülers träumt gewiss davon, ihnen zu folgen, doch die andere freut sich schon auf die eigentliche Koryphäe und den Leiter dieser netten Truppe, Herrn Matthäus. Und schon sieht man ihn die Treppe heraufstapfen mit einem Karton in der einen und seiner Aktentasche in der anderen Hand. Im Karton sind Hefte, die die Geschichte des Bebelplatzes vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute dokumentieren. Sie sind reich an Bildern und Texten, die die Geschichte des Bebelplatzes aus ganz verschiedenen Blickwinkeln begutachten.
Natürlich war es viel Arbeit und ein langer Weg bis dahin. Über ein halbes Jahr trafen sich die Mitglieder der Geschichtswerkstatt regelmäßig, um unterschiedliche Aktionen unter dem Oberthema ,,Bebelplatz” anlässlich seiner Neugestaltung im Jahr 2002 zu planen. So bereiteten wir zum Beispiel eine Ausstellung im "Café am Bebelplatz" zu seiner Geschichte vor. Auf einem Stadtteilfest kümmerten wir uns um den Verkauf einer selbst produzierten Bebelplatz-Ansichtskarte mit einem Motiv aus dem Jahr 1914.
Die positive Resonanz war groß und die Freude der Schüler dementsprechend auch. Wir hatten zwar für unsere Ausstellung schon viele Museen und Bildstellen durchforstet, doch galt es nun, noch interessante Texte und Zeitungsartikel zu finden.
Nachdem wir zahlreiche Dokumente aufgestöbert und den Verkauf - auch im "Buchladen am Bebelplatz" und auf einem weiteren Stadtteilfest - organisiert hatten, waren wir zwar ein wenig geplättet, doch nach dieser Aktion - sowie allen anderen Aktionen - hatten wir das Gefühl, etwas geleistet zu haben, bei dem wir auch noch allerhand gelernt haben: so zum Beispiel wie schwer, aber auch gut es ist, in einem Team zu arbeiten oder wie nervös man sein kann, wenn man vor ca. 50 fremden Menschen sitzt, um eine öffentliche Lesung abzuhalten. Herr Matthäus hatte nämlich durch ein früheres Projekt Kontakt zu Lisel Kahn, die zur Zeit des Dritten Reichs als “blonde Jüdin” im Kirchweg aufgewachsen war. Ihre Biographie erwies sich als sehr interessant, amüsant, aber auch tragisch, so dass wir uns entschlossen, einige Passagen aus ihren Briefen in der Lesung vorzutragen.
Heute bekommen wir nun alle als Abschlussgeschenk eines unserer selbst erschaffenen Meisterwerke "Vom Markt zum Bebelplatz" und schwelgen noch ein bisschen in gemeinsamen Erinnerungen.
Vielleicht seid ihr ja beim nächsten Mal dabei (eine Altersgrenze gibt es nicht) - eigene Vorschläge werden gerne angenommen."

Sarah Rieckmann, in: PicASSo, Schülerzeitung der Albert-Schweitzer-Schule Kassel (2002)

Das Projekt der WERKSTATT GESCHICHTE, von dem Sarah Rieckmann hier berichtet, war außergewöhnlich. Schülerinnen und Schüler forschten in ihrer Gruppe über die Geschichte eines Platzes, verließen aber auch die Schule, beteiligten sich mit ihrer Kompetenz an einem politischen Prozess im Stadtteil. Sie trafen auf Erwachsene, standen vor neuen Situationen und konnten die Erfahrung machen, von diesen nicht nur ernst genommen zu werden, sondern wesentliche Beiträge in einer öffentlichen Diskussion zu liefern. Sie erfuhren – auch in der Presse – entsprechende Anerkennung. Das Projekt "Bebelplatz" der WERKSTATT GESCHICHTE kann besonders gut verdeutlichen, worum es ihr geht:

  • Geschichte selbst zu erforschen und dabei nicht auf vorgegebenen Pfaden zu wandeln: Noch niemand war der Geschichte des August-Bebel-Platzes in Kassel im Einzelnen nachgegangen

  • wenn es sich anbietet, über die Geschichte des unmittelbaren Umfeldes zu forschen: vor allem im Stadtarchiv und im Stadtmuseum, mit denen wir intensiv kooperieren

  • die Schule zum Stadtteil zu öffnen, in dem sie liegt

  • Geschichte als etwas zu begreifen, was unsere Gegenwart prägt: Wir gingen auf den Platz, ließen uns fachkundig führen, erfuhren so, was wann entstanden ist, und bekamen einen ersten Eindruck davon, warum der Platz so ist, wie er jetzt ist

  • die Kenntnis der Geschichte als Voraussetzung zu sehen, Zukunft zu planen: Der Platz soll umgestaltet werden. Wir wurden zum "historischen Gewissen" des Arbeitskreises.

  • nicht im Elfenbeinturm zu bleiben, sondern sich einzumischen: Das taten wir in der aktiven Beteiligung an einer Bürgerinitiative (Arbeitskreis Bebelplatz), in dessen Rahmen wir auch Plakate klebten, Fragebögen verteilten und bei deren sozialwissenschaftlichen Auswertung halfen, an Aktionen auf dem Platz aktiv teilnahmen.

  • mit eigenen "Produkten" an die Öffentlichkeit zu gehen, um auf Unbekanntes, Verdrängtes aufmerksam zu machen und damit vielleicht auch Einfluss zu nehmen: In diesem Projekt waren das die (Re-) Produktion einer historischen Ansichtskarte, die Herstellung und Präsentation einer Ausstellung im Café am Bebelplatz mit der materiellen Hilfe des Stadtmuseums (dessen Leiter die Ausstellung eröffnete), die Veranstaltung einer Lesung "Blonde Jüdin am Kirchweg", die jüdisches Leben in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus am Platz beleuchtete, die Herstellung und der Verkauf einer Broschüre "Vom Markt zum Bebelplatz" – der als Höhepunkt unserer Aktivitäten bis heute anhält. Auf den Flaschen eines “Bebelplatzsektes”, der von einem Supermarkt verkauft wird, prangt ein Etikett mit einer historischen Ansicht des Platzes – auch dies unter unserer Beteiligung und als ein Mittel, historisches Bewusstsein zu befördern.


Für all dies ist ein langer Atem erforderlich und immer wieder stellt sich, wie Sarah schreibt, die Frage: "Vielleicht seid ihr ja beim nächsten Mal ja dabei?". Damit benennt sie das Hauptproblem jeder freiwilligen Arbeit von Schülerinnen und Schülern. Es gilt immer wieder diejenigen zu finden, die all das interessiert, was über den Unterricht hinaus geht, und die bereit sind, sich einiges mehr aufzuladen als andere. So manche Blüte des ursprünglich "zarten Pflänzchens" – wie es im letzten Jahrbuch vor fünf Jahren hieß - ist schnell verwelkt, denn Schülerinnen und Schüler kommen und gehen.


Geschichtswerkstatt im Unterricht – geht das?

In dem bislang letzten, abgeschlossenen Projekt war ein ganzer, hoch motivierter Kurs der Jgst. 13 bereit, sich der Herausforderung im dann nicht mehr normalen Unterricht zu stellen, selbst etwas zu erforschen und dies als Wettbewerbsbeitrag der WERKSTATT GESCHICHTE für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten einzureichen. Für den Lehrer war dies eine ganz neue Herausforderung (zumal der Kurs zum Beginn des Schuljahres um ein Drittel wuchs, das diesen Beschluss nicht mitgetragen hatte).

  • Die Arbeit von immerhin 26 Schülerinnen und Schülern, die an ganz unterschiedlichen Dingen arbeiteten, musste geplant, koordiniert und für alle immer wieder transparent gemacht werden.

  • Der Lehrplan der Jgst. 13 war zu erfüllen.

  • Methoden des Umgangs mit Quellen waren intensiver als sonst zu vermitteln, ebenso wie andere Hilfen, die in dem Umfang im normalen Unterricht nicht nötig sind: Wie komme ich zu "meinem" Text?

  • Ein für alle gleiches Fundament war – bei der arbeitsteiligen Arbeit – zu schaffen, denn

  • zumindest eine gemeinsame Kursarbeit schreibt die Oberstufenverordnung vor.

  • Letztlich waren sogar Abiturthemen (mündlich) zu entwickeln.

Dass dieser Kurs so motiviert war, lag vielleicht auch daran, dass wir uns auf wirklich unerforschtes Gelände begaben: Anstoß war ein rätselhaftes Foto auf der Internetseite des United States Holocaust Memorial Museum: "Jewish DPs attend a memorial service for the victims of the Holocaust in Kassel displaced persons camp." Wer waren Displaced Persons, wo in Kassel wurde dieses Foto aufgenommen, warum waren nach 1945 Juden in einem Lager in Kassel? Fragen über Fragen.

Wir fanden heraus: Millionen von Opfern des Nationalsozialismus lebten nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland. Sie hatten überlebt - z. B. als Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Häftlinge in Konzentrationslagern. Fast alle ausländischer Herkunft, heimatlos geworden. Tausende Juden kamen nach dem Krieg als Flüchtlinge aus Osteuropa, vor allem aus Polen. Schon bald fanden sich die meisten von ihnen im Land der Täter (erneut) in Lagern wieder, in den DP-camps, von denen es auch in Kassel eine ganze Reihe gab. 1945-1949 lebten durchgängig etwa 10.000 Menschen in solchen Lagern. Der Kurs rekonstruierte vor allem die Lage dieser camps und das Leben in ihnen – vor allem in den rein jüdischen Lagern, suchte auch nach Spuren im heutigen Stadtbild, befragte Zeitzeugen, ging den manifesten Konflikten nach, die zwischen DPs und der einheimischen Bevölkerung herrschten, untersuchte die besondere Situation bei Kriegsende, versuchte einzelne Schicksale und Biografien aufzuklären.

Im kollektiven Gedächtnis der Stadt gibt es kaum eine Erinnerung daran. Der Grundkurs 36 des Schuljahres 2002/3 machte sich also zur Aufgabe eine weitgehend vergessene Geschichte der Stadt ein wenig aufzuklären, eine Forschungslücke kleiner zu machen. 

Dazu war es dann notwendig auf der ganzen Welt zu recherchieren, z. B. in Archiven in New York (Archiv der Vereinten Nationen, YIVO), Washington und Jerusalem (Yad Vashem). Wir hatten das große Glück, dass sich in einem deutschen Archiv Mikrofilmkopien des Aktenbestandes des YIVO Institutes for Jewisch Research befinden. Einer der Höhepunkte unserer Arbeit war deshalb auch eine Archivreise nach Berlin in den Herbstferien ins Zentrum für Antisemitismusforschung, das über diese Kopien verfügt. Darüber berichtet Michaela Wintrich.


Auf den Spuren dessen, was war - der lange Weg in die Vergangenheit

Jeder Schüler lernt einiges über die Geschehnisse des Dritten Reiches, mehrmals wird man in seiner Schulzeit mit Hitler und dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert. Manch einen berührt dies nicht, andere nervt es, wieder andere interessieren sich stark, sehen eine Verantwortung, wenige fühlen sich schuldig.

Sehr oft jedoch bleibt es bei groben Zusammenhängen, die erlernt und mit anderen Daten und Fakten abgespeichert werden. Der tatsächliche Schrecken bleibt fast immer unermessbar, alles erscheint zu unwirklich, zu schrecklich und weit weg vom eigenen Leben. Der Lehrplan geht vom Ende des Zweiten Weltkriegs fließend in die doppelte Staatsgründung und die Probleme der jungen Staaten über. Kaum jemand jedoch lernt, dass zwischen diesen zweifellos wichtigen Meilensteinen unserer Geschichte das Schicksal von mehr als zehn Millionen Menschen begraben liegt, die im Mai 1945 noch als Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter lebten - vom Schrecken der letzten Jahre gebeutelt, mittellos, heimatlos: Displaced Persons.

Doch nicht nur dies erfuhren wir, sondern auch, dass sich Lager dieser DPs in unserer unmittelbaren Nähe, z. B. an der Hasenhecke, heutigen Wohngegenden, befanden. Plötzlich betraf Geschichte uns und unsere Heimat. Ungewöhnlich jedoch war, dass die Spuren, die Überreste dieser Geschichte nicht vor Ort in Kassel, sondern vor allem auch in Berlin zu finden sein sollten. Viele der alten Akten, Briefe, Korrespondenzen, Bestell- und Inventarlisten und Organisationspläne sollten sich im Zentrum für Antisemitismus-Forschung in Berlin befinden, gebannt auf endlose Meter Mikrofilm. 

Auf der Spur über die Lebensweise und Organisation in DP-Camps führt der Weg weit weg von Kasseler Archiven und dem Ort der Geschehnisse, in die Bundeshauptstadt, in die Technische Universität, in einen großen Raum, in dem sich mit zahllosen Büchern beladene Regale aneinander reihen, zwischen denen sich zwei große, graue Mikrofilmgeräte verstecken. Stille herrscht hier, arbeitsame Stille für eine lesende junge Dame - sonst gähnende Leere. Zumindest bis jetzt, denn für die nächsten drei Tage ist das Mikrofilmgerät reserviert für die Gruppe aus Kassel, die auf den YIVO-Filmen nach Belegen für den Alltag und die Besonderheiten im DP-Camp Hasenhecke, nach Informationen über andere Lager in Kassel und überhaupt nach allem, was Kassel betreffen könnte, sucht. 

Wir lassen die Reliquien unserer Zeit, unsere Taschen und Rucksäcke, in den Schließfächern im Flur vor dem Raum und sind in eine andere kleine Welt versetzt: die Welt der Informationen und Erinnerungen. Eng ist es hier, wir stellen die Stühle an jede Seite des Mikrofilmgerätes, Hauptsache, der Monitor bleibt sichtbar. Die Filme liegen bereit, es sind Stapel von Bändern, die kaum zu bewältigen scheinen, und die freundliche Bibliothekarin führt uns in die Funktionsweise des Gerätes ein. Später werden wir auch Ermunterung erfahren durch eine wissenschaftliche Expertin auf dem Gebiet der jüdischen DPs.

Die Spannung steigt: Was werden wir finden? Was werden wir verstehen? Die ersten Dokumente durchlaufen vor uns den Bildschirm, jeweils einer sitzt an dem kleinen Drehrädchen, das den Film bewegt, einer am Kopierknopf, einer am Auswurf des Druckers, einer liest einfach mit, alle versuchen, die Texte zu entziffern, einzuordnen und über die Wichtigkeit (Kopierwürdigkeit oder nicht) zu entscheiden. Wir können jetzt nur sammeln. Zu begrenzt ist die Zeit.

Die ersten Texte sind polnisch, was keiner von uns beherrscht – übrig geblieben vom polnischen Lager Hasenhecke. Doch wir zeigen uns so enthusiastisch, dass wir ein polnisches Wörterbuch holen, um einzelne Begriffe und somit eventuell den Zusammenhang zu entschlüsseln. Arbeitsbescheinigungen müssen das sein, erfahren wir so. Diese Arbeit jedoch ist auf Dauer zu aufwändig, bald werden die wenigen polnischen Dokumente übersprungen. Auch hebräische Dokumente können wir nicht lesen, die Aufregung verfliegt schnell und es wird klar: Das hier wird viel Arbeit. 

Doch wir stoßen mitunter, aber selten, auch auf deutsche Texte und vor allem immer wieder auf das Jiddische. Zunächst ist es schwer, den Inhalt zu erfassen, doch die Versuche, die Texte durch lautes Lesen zu verstehen, werden immer sicherer. Nach wenigen Sekunden ertönt meist in der kleinen Gruppe ein einmütiges “Weiter, unwichtig” oder “Halt! Ausdrucken!”, was wahlweise die Person am Drehrädchen oder am Kopierknopf in Aktion ruft, manchmal auch die Bibliothekarin, die uns zu mehr Ruhe bittet. Mit jedem Dokument nimmt die Sicherheit in der fremden Sprache zu und es wird zunehmend leichter, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden. In der Fantasie baut sich ein ganzes DP-Camp auf, mit seinen verschiedenen Instanzen, mit einzelnen Personen, die immer wieder auftauchen. “Der hat doch vorhin die Inventarliste verfasst - war er nicht auch einer von denen, die das Protokoll eben unterzeichneten?” “Und der hat jetzt etwas Schlimmes gemacht - oder warum ist er angeklagt?” Namen auf alten Listen werden zu Bekannten, der Alltag wird plastischer, die Organisation etwas durchschaubarer. Der monotone Rhythmus aus Film spulen, gucken, kopieren und weiterspulen wird nur von Essenspausen unterbrochen, in denen man das Gesehene zu verbinden versucht, Auffälligkeiten bespricht. 

Ab dem zweiten Tag wird in zwei Schichten gearbeitet, weil eben doch nicht viele um das Mikrofilmgerät passen. Die Routine geht jedoch weiter, Film spulen, gucken, kopieren und weiterspulen; bei der Ablösung informiert die erste Gruppe die Nachfolger, was geschah. Geschichte im Schnelldurchlauf und wir bestimmen die Geschwindigkeit durch Drehen am Rädchen. Wurde am Anfang recht wenig kopiert, so nimmt die Anzahl der Kopien in der Ablage nun, in der Mitte der Arbeit, deutlich zu. Fast alles scheint wichtig, Kleinigkeiten werden offenbar, die fast persönliche Bindung zu manchen Gestalten weckt unsere Liebe zum Detail.

Während der freien Schicht bleibt die Geschichte in Berlin Mitte trotzdem lebendig, wo die alte Synagoge unter polizeilicher Bewachung der Öffentlichkeit zugänglich ist. Auch hier: Hebräisch, Jiddisch, Zusammenhänge. Und immer öfter die Frage: "Kann man sich das alles vorstellen, gerade bei uns?"

Am dritten Tag lässt der Informationsgehalt der Texte nach, immer mehr hebräische Dokumente finden sich, Informationen werden wiederholt, die Anzahl der Kopien nimmt wieder ab. Langsam gleiten wir aus der Vergangenheit zurück in den Anfangszustand. Unsere Trophäen von der Reise in die Vergangenheit: Ein hoher Stapel Kopien, der auf Auswertung durch den Rest der Gruppe in Kassel wartet.

Als Abschluss der Zeitreise folgt ein Besuch im jüdischen Museum, das Fakten, Informationen, Geschichte und eine ganze Kultur sowohl anschaulich, als auch künstlerisch und unheimlich interessant präsentiert.

Die Zeit war zu kurz um alles zu erfassen. Das wird klar, als wir am nächsten Morgen mit den Kopien, die die Basis der weiteren Ergebnisse bilden, und vielen Gedanken aus der lebendigen Geschichte in Berlin nach Kassel, an den stummen Ort der Geschehnisse, an die eigentliche Arbeit, zurückfahren. Die gesammelten Informationen müssen nun sortiert, gruppiert, vereinfacht und zum Schluss in aussagekräftige und verständliche Texte gefasst werden, die jedem Leser Einblicke in das Leben der DPs an der Hasenhecke nach 1945 geben sollen.


Mit dieser, aber auch mit anderen Aufgaben landeten eine ganze Reihe von Kursmitgliedern zwangsläufig in einem bilingualen Unterricht, galt es doch mehrere hundert Seiten in jiddischer Sprache – der Verkehrssprache in den jüdischen Camps – zu verstehen und auszuwerten, englischsprachige Sekundärliteratur zu berücksichtigen oder Briefe und E-Mails in Englisch oder Französisch zu verfassen. Sie haben es auf der Grundlage der in anderen Fächern erworbenen Fähigkeiten und mit Hilfe verschiedener Wörterbücher bravourös gemeistert – was nicht einfach war, denn im Jiddischen gibt es keine einheitliche Schreibweise.

Es gelang uns also insgesamt, in Deutschland unbekannte Dokumente und Fotos zu finden, Zeitzeugen zu sprechen, vor Ort die Spuren der DPs aufzufinden, z. B. auf Kasseler Friedhöfen. Hier waren dann auch fotografische Fähigkeiten und Ideen zur künstlerischen Umsetzungen gefragt. Als "Zwischenbericht" veranstalteten wir zwei Lesungen in der Gedenkstätte Breitenau und in der Buchhandlung am Bebelplatz. Ein intensiver Workshop am Ende der Arbeiten ließ das Herz des Lehrers höher schlagen und die gemeinsamen Hoffnungen auf eine Anerkennung für das Geleistete, die besonders in diesen Tagen entstanden, wurden dann auch erfüllt. Unser Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten (eine Dokumentation mit ca. 300 Seiten, die Dokumentation der Lesung als Text und CD und ein Arbeitsbericht) wurde mit dem zweiten Preis unter etwa 1900 Beiträgen gewürdigt. Wir werden unsere Dokumentation zusammen mit unserer mehrere Aktenordner umfassenden Quellensammlung dem Stadtarchiv Kassel übergeben – in der Hoffnung, dass das die Grundlage ist, auf der weiter geforscht werden kann – denn uns sind auch die Grenzen der eigenen Forschung bewusst geworden.

Dieses Projekt wäre nicht möglich gewesen ohne die intensive Nutzung des Computers und seiner Vernetzungsmöglicheiten. Anfragen und Antworten überschritten in ganz kurzer Zeit die Grenzen von Kontinenten, Textentwürfe landeten, ohne dass man sich sah, auf dem Rechner des Partners oder Lehrers. Am Workshop, an dem alle vernetzt waren, gingen Dateien so hin und her, dass der Lehrer manchmal befürchtete, irgend etwas könnte am Ende nicht mehr in Ordnung sein oder verloren gehen. Eine grundlose Befürchtung. 

Das neue Projekt der WERKSTATT GESCHICHTE: “Der Traum von der Hauptstadt” will wieder in eine Debatte eingreifen. Nicht zum ersten Mal bewirbt sich Kassel mit dem Projekt “Kulturhauptstadt” Europas im Jahr 2010 zu werden um eine “Hauptstadtfunktion”. 1948 ging man z. B. ins Rennen um den “Sitz der Bundesorgane” und konkurrierte mit Stuttgart, Bonn und Frankfurt letztlich darum, Hauptstadt der zu gründenden Bundesrepublik zu werden. Die Beweggründe und das Scheitern dieses Vorhabens aufzuklären, ist sicherlich spannend und hat auch eine Reihe von Mitstreiterinnen und Mitstreitern aus den Jgst. 10 und 11 gefunden. Mal sehen, was daraus wird.

W. Matthäus