Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen. Straßennamen, Geschichte und "Geschichtspolitik"

Straßennamen in Kassel

  

Ein Leistungskurs befasste sich außerhalb des Unterrichts mit den Straßennamen in dem Kasseler Stadtteil, in dem die Schule liegt, ging auch der Geschichte der Straßenbezeichnungen durch die Analyse alter Stadtpläne und Adressbücher nach, denn eine systematische Überlieferung gibt es in Kassel nicht. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern setzte das begonnene Vorhaben fort und brachte es mit einer Buchveröffentlichung zum Abschluss. Das Buch
"Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen. Straßennamen, Geschichte und Geschichtspolitik"
ist seit Dezember 2005 im Kasseler Buchhandel oder über die Albert-Schweitzer-Schule zum Preis von 12,80 Euro zu erhalten.

Im Vorwort des Buches sind die Absichten erläutert – es geht um Straßennamen im Wandel der Zeit und darum, welches Geschichtsbewusstsein sich hinter Straßenbenennungen und Umbenennungen verbirgt. 

 

 

 

Straßennamen im Wandel der Zeit

Straßennamen schaffen Orientierung im Raum. Dem Fremden helfen sie, sein Ziel am unvertrauten und unübersichtlichen Ort zu finden. Der Ortskundige kennt mitunter nicht einmal den Namen einer Straße in seiner Nähe. Noch nicht lange ist es her, dass im dörflichen Raum der Bürokratie Hausnummern genügten - die Einwohner bedurften ihrer nicht. Städte verlangen  nach Namen für Straßen, erfordern deren Kennzeichnung - vor allem dann, wenn sie neu entstehen.

Die Namensgeber von Straßen und Plätzen in einer Stadt (und dann auch in einem Dorf) schaffen damit aber nicht nur Orientierung im Raum, sondern auch Orientierung in der Zeit, in der Geschichte. Straßenschilder sind vielleicht kleine Denkmale im öffentlichen Raum. Sind sie nicht einfach nach Ortsbezeichnungen oder Flurnamen gewählt (im Vorderen Westen z. B. die Tannenstraße), dann sehr oft nach Personen, manchmal auch nach Ereignissen, mitunter nach politischen Zielen - wie der "Platz der Deutschen Einheit" in Kassel. Damit wird darüber befunden, wer oder was der Würdigung wert ist, an welche Geschichte öffentlich erinnert werden soll. In Straßennamen begegnet uns die Geschichte in einer Interpretation derer, die darüber entscheiden, was im kollektiven Gedächtnis einer Stadt aufbewahrt sein soll und - vielleicht viel wichtiger - was nicht. Bewusst oder unbewusst ist jede Benennung einer Straße eine politische, eine “geschichtspolitische” Entscheidung, auch wenn die Zielsetzung, hinter einem Namen eine Bedeutung zu sehen, wahrscheinlich nicht sehr oft tatsächlich erreicht wird. Vereinzelte, aber längst nicht die Mehrheit der Straßenschilder in Kassel erläutern deshalb den Namensgeber. Im Vorderen Westen Kassel ist das praktisch gar nicht  der Fall und es ist kaum zu vermuten, dass sich den meisten erschließt, wer oder was sich eigentlich hinter dem Namen eines Platzes, einer Straße oder einer öffentlichen Einrichtung verbirgt. Auf der anderen Seite zeigt sich die Beharrungskraft von früheren Straßennamen, die Gewöhnung an sie, in dem Sprachgebrauch älterer Einwohner, die z. B. mitunter immer noch von der Hohenzollernstraße statt der Friedrich-Ebert-Straße sprechen. Dahinter steckt einfach ein Aufwachsen mit einem Namen, ohne dass politische Implikationen bewusst oder beabsichtigt sind.

Im Vorderen Westen, einem im Auftrag Aschrotts auf dem Reißbrett entworfenen Stadtteil mit der damaligen Chance viele Straßen neu zu benennen, finden wir Straßennamen, die die Zeitläufe überdauert haben. Wir finden veränderte Namen, wir stoßen auch darauf, dass eine Straßenumbenennung unter politischen Vorzeichen nur einige Zeit Bestand hatte. Aber immer wird in der Interpretation der Namensgebung deutlich, dass dahinter ein politisches Programm steckt. Hier eine Orientierung zu geben, ist die Absicht unserer Arbeit.

Im Ursprung verweisen die Straßennamen auf die preußische Dynastie: Die wichtigste Achse, die die alte hessische Residenzstadt mit der neuen, der seit einiger Zeit preußischen Stadt verband, war nach den Hohenzollern benannt - wie auch der Stadtteil als "Hohenzollernviertel". Eine Verneigung vor der hessischen Geschichte sind sicherlich die Straßennamen, die auf Militärs oder Bürokraten im Dienste der Landgrafen oder Kurfürsten verweisen: Mitunter gibt es dabei auch lokale Bezüge, aber alles in allem wird über Preußen hinaus der hessische Adel besonders gewürdigt. Der Kaiser, Landgrafen, ein Hesse auf dem schwedischen Königsthron, Markgrafen, Prinzen, Regenten, Offiziere und hohe Staatsbeamte im preußischen oder hessischen Dienst, Dichter, die zumeist für die nationale Sache stehen: Sie alle waren eines Straßennamens würdig. Das ursprüngliche Straßenverzeichnis des Hohenzollernviertels gibt eine nationalistische Sicht der deutschen Geschichte, die dem vorherrschenden Geist der Bewohner der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts entsprochen haben dürfte, wie das Wahlverhalten im Vorderen Westen am Ende der Weimarer Republik zeigt. 80 Prozent standen hinter den Deutschnationalen und den Nationalsozialisten - mehr als in jedem anderen Kasseler Stadtteil.

Auf die Rolle Aschrotts für den heutigen Stadtteil verweisen Straßenbezeichnungen, die direkt an ihn erinnern, wie auch solche, die offenkundig (mit Sicherheit weiß man dies nicht) auf Angehörige seiner Familie verweisen.

In der Zeit der Weimarer Republik fanden kaum Umbenennungen statt. Die heutige Huttenstraße und der Huttenplatz wurden z. B. nach dem ersten Reichspräsidenten und Sozialdemokraten Friedrich Ebert benannt, womit eine demokratische Tradition gestiftet werden sollte. Auf der anderen Seite verbeugte man sich schon zu Beginn der Republik vor dem Monarchisten und General Hindenburg, indem man ihn zum Namenspatron des bis dahin Neumarktes machte, des heutigen August-Bebel-Platzes.

Im Bündnis mit den Nationalkonservativen (auch des Vorderen Westens) an die Macht gekommen, hatte die nationalsozialistische Stadtregierung kaum Probleme mit den Straßennamen des Westens. Natürlich musste Friedrich Ebert weichen und machte Ulrich von Hutten Platz, und die Bezeichnungen, die auf Menschen jüdischer Herkunft verwiesen, wurden ersetzt. Der Gründer des Vorderen Westens, Sigmund Aschrott wurde zwischen 1935 und 1938 ebenso aus dem Straßenbild getilgt (Aschrottstraße, Aschrottanlage, Aschrottheim, Aschrottbrunnen am Rathaus) wie Salomon Hermann von Mosenthal, an dessen Stelle Schenkendorf trat.

Nach dem Ende der NS-Herrschaft trugen zunächst die Alliierten die Verantwortung. Auf ihre Initiative hin und mit ihrer Zustimmung verschwanden im Juli 1945 die ausdrücklich nationalsozialistischen Namen aus dem Straßenverzeichnis. Im Vorderen Westen war davon keine Straße betroffen, allerdings das ursprünglich Oberrealschule genannte Gymnasium in der Kölnischen Straße, das man zur Adolf-Hitler-Schule gemacht hatte. Es wurde aufgelöst und in der Stadt verwies nun kein Name einer Straße oder eines Platzes mehr auf Adolf Hitler, Horst Wessel, Hans Schemm oder die lokalen Größen des Nationalsozialismus wie Lengemann und andere.

Den Demokratisierungsprozess, der von den Deutschen verlangt wurde, die demokratische Gesinnung derjenigen, die nach 1945 die Geschicke der Stadt lenkten, bringt die ziemlich radikale Umbenennung des Jahres 1947 zum Ausdruck. Auch im Vorderen Westen mussten eine ganze Reihe von Straßennamen weichen, machten Platz, um an die demokratischen und sozialistischen Traditionen der deutschen Geschichte erinnern  zu können. Frühe Sozialisten wie Weitling wurden ebenso gewürdigt wie Marx, Kautsky oder Mehring und Bebel. Einen Teil dieser Umbenennungen machte man jedoch bereits zwei Jahre später, 1949, wieder rückgängig. Der Friedrich-Ebert-Platz, zu dem man den zentralen Platz in der Innenstadt, den Friedrichsplatz, gemacht hatte, erhielt seinen alten Namen. Offenbar als “Entschädigung” wurde die zwei Jahre zuvor zur Karl-Marx-Straße gemachte ehemalige Hohenzollernstraße nach ihm benannt - allein der Karl-Marx-Platz (Hohenzollernplatz) überlebte den Magistratsbeschluss. U. a. Mehring, Kautsky und Erzberger behielten ihre Straße nicht, wie auch ein Anführer im deutschen Bauernkrieg, Florian Geyer, nach dem die Hardenbergstraße benannt worden war, vom Stadtplan wieder verschwand. An der Situation des Jahres 1949 hat sich seitdem wenig geändert und so bieten die Straßennamen des Vorderen Westen ein Mosaik aus verschiedenen Versuchen der Traditionsstiftung.

Wenn jetzt seit langer Zeit mit der Samuel-Beckett-Anlage auf dem ehemaligen Polizeigelände eine Straße neu benannt werden wird, so ist dies außergewöhnlich für den Stadtteil, der eigentlich abgeschlossen ist. Welche Motive und Überlegungen hinter einer Namensgebung stehen, beleuchtet der Aufsatz zur Umbenennung der heutigen Heinrich-Schütz-Schule detailliert. Was sich hinter Namen verbirgt, welche Umbenennungen im Einzelnen erfolgt sind, machen die Erläuterungen der heutigen und ehemaligen Straßennamen deutlich, wobei wir auch einige Einrichtungen im Vorderen Westen berücksichtigt haben. Über die Problematik der Be- und Umbenennung von Straßen und auch den neuen Namen im Stadtteil schreibt als “Gast” Wolfgang Rudolph.

Vielleicht können wir ein bisschen dazu beitragen, den Vorderen Westen mit anderen Augen zu sehen und seine und - darüber hinaus - die deutsche Geschichte besser zu verstehen? Wenn dies eine vornehmlich männliche Sichtweise auf die Kassler, hessische und deutsche Geschichte ist, dann liegt das nicht an uns, sondern an den Straßennamen im Westen. Auf der Marbachshöhe hat sich in den letzten Jahren die Gelegenheit ergeben, ein Gegengewicht zu schaffen. Hier gibt es einen aktuellen Streit um einen zukünftigen Straßennamen, der erneut belegt, dass es immer auch um Politik geht, wenn Straßen zu einem Namen kommen sollen. Dem Stadtarchiv und dem Stadtmuseum danken wir für freundliche Unterstützung.

WERKSTATT GESCHICHTE an der Albert-Schweitzer-Schule“

 

In einer öffentlichen Lesung und Buchvorstellung präsentierten Ekaterina Eimer, Maria Fidrich, Regina Hiller, Sebastian Platner, Julia Schäfer und Tabea Streil am 8. Dezember 2005 das neue Buch im Cafè am Bebelplatz. 

 

Die HNA kündigte die Lesung mit folgender Rezension, der ein historisches Foto vom Bebelplatz angefügt war, so an:

Straßennamen im Wandel (HNA, 08.12.2005)

Buchveröffentlichung der Werkstatt Geschichte der Albert-Schweitzer-Schule

WEST.

Markt, Neumarkt, Hin­denburgplatz, Bebelplatz - vier Bezeichnungen für ein und denselben Platz. Nur eines von zahllosen Beispielen von Straßen, deren Name sich im Laufe der Zeit änderte.

Mit Straßennamen im Stadtteil beschäftigt sich ein jetzt veröffentlichtes Buch der Werkstatt Geschichte der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule. Die Dokumentation "Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen" erklärt die Namen im Stadtteil und zeigt, wie die Straßen früher hießen sowie wann und weshalb sie umbenannt worden. Heute Abend, ab 20 Uhr, wird das Buch im Cafe am Bebelplatz der Öffentlichkeit vorgestellt.

Straßennamen schaffen Orientierung. Sie helfen, sich im gepflasterten Dschungel von Verkehrswegen und Bebauungen zurecht zu finden. Doch zeigt die Namensgebung von Straßen, vielmehr deren Umbenennung, nicht zuletzt auch politische und historische Brüche auf. „Damit wird darüber befunden, wer oder was der Würdigung wert ist, an welche Geschichte öffentlich erinnert werden soll", heißt es im Vorwort des Buches.

Zurück zum Bebelplatz: Vor mehr als 100 Jahren als Zentrum des neuen Hohenzollernviertels unter der schlichten Bezeichnung Markt angelegt, ist er bald als Pendant zum altstädtischen Atmarkt in Neumarkt umbenannt worden, ehe der Platz unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg dem Generalfeldmarschall und späteren Reichspräsiden Paul von Hindenburg gewidmet wurde. Erst 1947, Kassel befand sich wieder in sozialdemokratischer Hand, bekam der Platz seinen noch immer gültigen Namen nach August Bebel, einem der Gründer der SPD.

Auf 200 Seiten spürt das Buch Lebensgeschichten der Personen, die hinter den Straßennamen stecken, auf und setzt diese in den jeweiligen historischen Kontext der Namensgebung. Daneben bietet Ortsvorsteher Wolfgang Rudolph mit einem Gastbeitrag ein Ausblick in künftige Namensgebung im Stadtteil – etwa bei der Erschließung des Bereitschaftspolizeigeländes als Samuel-Beckett-Anlage.

Die Werkstatt Geschichte ist eine Arbeitsgemeinschaft von Schülern der Albert-Schweitzer-Schule unter der Anleitung von Wolfgang Matthäus.

"Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen – Straßennamen, Geschichte und Geschichtspolitik" ist für 12,80 Euro im Buchhandel erhältlich.
 

In der Veranstaltung luden wir die Gäste dazu ein, in einem Quiz Straßennamen mit einer Biografie zu verbinden, oder auch dazu über den Sinn von Straßenbezeichnungen zu diskutieren. Wir lasen aber auch Dokumente über die Umbenennung der heutigen Heinrich-Schütz-Schule in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Anschluss an die Lesung galt es verkaufte Bücher auch zu signieren. Die HNA berichtete auch über die Lesung und Buchvorstellung.

 

An dem Gesamtprojekt waren insgesamt beteiligt: 

  • Patrick Amalou

  • Tessa Becher

  • Martin Bannenberg

  • Jochen Deichmann

  • Ekaterina Eimer

  • Maria Fidrich

  • Stefanie Giese

  • Artur Gomer

  • Udo Hampel

  • Jan Hauck

  • Regina Hiller

  • Wolfgang Matthäus

  • Sebastian Platner

  • Julia Schäfer

  • Christoph Schevalje

  • Maximilian Seidenfaden

  • Tabea Streil

  • Jens Strothmann

 als „Gast”      Wolfgang Rudolph, Ortsvorsteher West