Wege von Frauen Kasseler Straßennamen, Geschichte und Geschichtspolitik

 

Wer waren Anna, Luise oder Regina, die man auf Kasseler Straßenschildern findet – eines Nachnamens nicht wert? Welches Leben und welche Leistung verbergen sich hinter Namen wie Marie Calm oder Wilhelmine Halberstadt? Warum sind erst in der jüngeren Vergangenheit Straßen unserer Stadt bewusst auch nach Frauen benannt?
Die WERKSTATT GESCHICHTE ging diesen und anderen Fragen nach, erläutert in diesem Buch die Straßennamen nach Frauen und versucht damit aufzuzeigen, wie Namensgebung mit Geschichte und Politik zusammenhängt, wie hinter Straßennamen immer auch bewusste Traditionsstiftung, "Geschichtspolitik" steckt.

Bei unserem letzten Projekt zu den Straßennamen im Vorderen Westen gestern und heute fiel auf, dass es ganz wenige Straßen gibt, die nach Frauen benannt sind. Das hat seine Ursachen. In einem neuen Projekt gingen wir diesem Umstand nach und recherchierten die Biografien derjenigen Frauen, die in Kassel bislang eines Straßennamens wert sind. Diese und die Diskussion um die ungenügende Rolle, die Frauen bislang bei der Namensgebung von Straßen spielten und noch spielen, dokumentieren wir in einer Veröffentlichung.
Sie ist im Kasseler Buchhandel für 12.80 € erhältlich. 

 

 

 

Wir recherchierten im Internet, vor allem aber in Bibliotheken, im Stadtarchiv, im Stadtmuseum und im Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel. Im Stadtarchiv, bei einem Workshop in der Schule und bei den Projekttagen, die wir im Archiv der deutschen Frauenbewegung genießen konnten, sind die Fotos aufgenommen. Den Mitarbeiterinnen des Archivs der deutschen Frauenbewegung sei ganz besonders für ihre große Gastfreundschaft und die mehr als freundliche Unterstützung gedankt.

  

 

Die Einleitung zu dem neuen Buch gibt unsere Absichten wieder, Frauen zu würdigen, aber auch Einblicke in 2000 Jahre Geschichte der Frauen und der Geschlechterbeziehungen zu geben.

 

"Männer machen die Geschichte" – Einleitung zum Buch

 

Straßennamen verhelfen zunächst zur Orientierung im Raum, ermöglichen es, Weg und Ziel zu finden. Die Namensgeber von Straßen und Plätzen in einer Stadt schaffen aber nicht nur Orientierung im Raum, sondern ganz oft gleichermaßen Orientierung in der Zeit, in der Geschichte.
Straßenschilder sind vielleicht kleine Denkmale im öffentlichen Raum. Wenn sie nicht einfach nach Ortsbezeichnungen, Flurnamen, Flüssen, Gebirgen usw. gewählt sind, dann sehr oft nach Personen, manchmal auch nach Ereignissen aus der Geschichte, mitunter nach politischen Zielen - wie der "Platz der Deutschen Einheit" in Kassel. Damit wird darüber befunden, wer oder was der Würdigung wert ist, an welche Geschichte öffentlich erinnert werden soll. In solchen Straßennamen begegnet uns die Geschichte in einer Interpretation derer, die darüber entscheiden, was im kollektiven Gedächtnis einer Stadt aufbewahrt sein soll und - vielleicht viel wichtiger - was nicht. Bewusst oder unbewusst ist jede solche Benennung einer Straße eine politische, eine "geschichtspolitische" Entscheidung, auch wenn die Zielsetzung, dass Bürgerinnen und Bürger hinter einem Namen eine Bedeutung sehen, wahrscheinlich nicht sehr oft tatsächlich erreicht wird. Vereinzelte, aber längst nicht die Mehrheit und viel zu wenige Straßenschilder in Kassel erläutern deshalb die Namensgebung (mitunter allerdings nichts sagend), obwohl schon in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts geplant war, alle Straßenschilder mit einem erläuternden Zusatz zu versehen.
"Männer machen die Geschichte" galt und gilt immer noch für die Kasseler Straßennamen in ihrer Gesamtheit. Als die WERKSTATT GESCHICHTE die Ergebnisse ihres letzten Projektes zu den Straßennamen im Vorderen Westen gestern und heute öffentlich vorstellte, fiel Zuhörerinnen natürlich auf, dass es in diesem Kasseler Stadtteil fast keinen Straßennamen nach Frauen gibt - und überhaupt keinen, der die Namensgeberin mit vollem Namen würdigt.

"Männer machen die Geschichte" gilt - mit inzwischen erfolgten Veränderungen noch immer - für die Kasseler Straßennamen in einem doppelten Sinne. Bis vor einiger Zeit entschieden in erster Linie Männer, an welche Geschichte(n) öffentlich erinnert werden sollte, und es waren Männer, an die diese erinnern wollten. Sie erinnerten z. B. an Adam Selbert, würdigten ihn mit einem Straßennamen, lange bevor seiner viel prominenteren und bedeutenderen Frau die Ehre zuteil wurde, Namensgeberin einer Promenade an der Fulda in der neuen Unterneustadt zu werden. Dass auch Männer weibliche Familienangehörige mit einem Straßennamen ehrten, wie das z. B. Aschrott im Vorderen Westen möglich war, zeugt eher vom Einfluss der Männer als von einem Interesse an der Würdigung der Leistungen von Frauen in der Geschichte.
Wenn heute mehr Straßennamen in Kassel nach Frauen benannt sind als früher, dann ist dies vor allem - aber nicht nur - Frauen zu verdanken und der neuen Frauenbewegung des letzten Drittels des vergangenen Jahrhunderts. Diese Männer und Frauen und diese Bewegung klagten den Anteil der Frauen an der Geschichte ein, erforschten das, was der männlich dominierten Geschichtsschreibung mitunter nicht des Forschens wert war, stießen dabei auf Namen, die einer Erinnerung - auch durch Straßennamen - würdig sind.
Bei den Straßennamen letztlich eine Frauenquote zu erreichen, ist wohl kaum möglich, erforderte dies doch eine Umbenennung zahlreicher Straßen, die in historischen Umbruchszeiten, wie z. B. nach dem Zweiten Weltkrieg, vielleicht möglich war, mit feministischen Absichten und Zielen heute aber kaum durchsetzbar ist. Ein Beschluss eines Bezirkes in Berlin, Straßen nur noch nach Frauen zu benennen, bis eine Parität erreicht ist, wurde und wird in Kassel von niemandem angestrebt. Die Absicht, die Verhältnisse auszugleichen, ist deshalb vornehmlich darauf angewiesen, neue Straßen nach Frauen zu benennen. Und neue Straßen sind rar in einer Stadt, die räumlich kaum expandieren und neue Wohngebiete ausweisen kann. Für die Berücksichtigung von Frauen boten und bieten sich deshalb vor allem die Konversionsgebiete ehemaliger Kasernen und das Industriegebiet in Waldau an. Hier stoßen wir inzwischen vermehrt auf Straßennamen nach Frauen. Die auf dem alten Stadtgrundriss wieder gegründete Unterneustadt widersetzte sich natürlich einer neuen Namensgebung von Straßen.

Vermutlich sind diese neuen und andere Namen und ihre Namensgeberinnen nicht immer bekannt. Es ist deshalb das vorrangige Anliegen dieser Schrift aufzuklären, welche Lebenswege und Geschichten sich hinter Namen verbergen und damit die Leistungen zu würdigen, die Frauen erbracht haben. Denn: Nicht nur Männer machen Geschichte. Mit den Wegen von Frauen, die in Kassel mit der Bezeichnung von Straßen, Plätzen oder Einrichtungen gewürdigt werden, möchten wir auch ein Licht werfen auf die Geschichte der Frauen und die der Geschlechterbeziehungen.
Unsere Nachforschungen und unsere Arbeit wären nicht möglich gewesen ohne die freundliche Hilfe des Stadtmuseums, des Stadtarchivs und vor allem des Archivs der deutschen Frauenbewegung in Kassel, das für uns wirklich zum Lernort wurde. Silke Mehrwald gilt ein ganz besonderer Dank für ihre Unterstützung.

Wenn wir das Anliegen des Archivs der deutschen Frauenbewegung und anderer durch diese Publikation unterstützen und einen Beitrag dazu leisten könnten zu sehen, dass eben nicht nur Männer die Geschichte machen, wären wir froh.

WERKSTATT GESCHICHTE an der Albert-Schweitzer-Schule Kassel
November 2006

An dem Projekt waren beteiligt:

Sohrab Beheshtipour, Lisa Bindemann, Helge Brede, Johanna Diecke, Julian Döring, Jost Ebeling, Ekaterina Eimer, Robert Fleck, Andrea Gerling, Mareike Görtz, Katharina Groß, Yasmin Heinemann, Andreas Kunze, Jana Larbig, Wolfgang Matthäus, Sarah Osterberg, Carolin Wedler, Jean-Marie Wenigenrath