Wer war August Bebel?

  

Die WERKSTATT GESCHICHTE hatte sich im Arbeitskreis, der Bürgerinitiative zur Umgestaltung des Bebelplatzes in Kassel engagiert, die Geschichte des Platzes erforscht. Sie hatte – wie zum Bebelplatz – eine Publikation zu den Straßennamen im Vorderen Westen und deren Geschichte veröffentlicht. Bei diesem Projekt wurde offenkundig, dass oft nicht bekannt ist, welche Geschichte sich hinter dem jeweiligen Namensgeber einer Straße, eines Platzes oder einer Einrichtung verbirgt. In Kassel fehlen bei den allermeisten Straßenschildern Erläuterungen, wie sie in vielen anderen Städten üblich sind. 

 

 

Die WERKSTATT GESCHICHTE schlug deshalb der Stadt vor, derartige Zusätze an den Straßenschildern des August-Bebel-Platzes anzubringen. Wir erfuhren, dass dies nur möglich sei, wenn nicht die Stadt, sondern ein privater Sponsor dies bezahle. Und so wurde die WERKSTATT GESCHICHTE zum Sponsor. Von dem Erlös der Buches "Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen" finanzierte sie mit 100 € die Anbringung von Zusatzschildern.

 

Nach einem Prozess von mehreren Monaten, bei dem vor allem auch die Frage diskutiert wurde, ob die SPD auf dem Schild erwähnt werden dürfe, war es am 22. Februar 2007, dem 167. Geburtstag von August Bebel endlich so weit. Das Schild gibt nun Auskunft darüber, dass August Bebel (1840-1913) Mitbebegründer der sozialdemokratischen Bewegung und erster Vorsitzender der SPD war.

 

 

Die Enthüllung der Zusatzschilder war mit einem kleinen Fest auf dem Bebelplatz verbunden. Geschäftsleute spendeten Kaffee, Kuchen und auch Sekt. Die HNA hatte das angekündigt das und berichtete auch darüber. Jost Ebeling von der WERKSTATT GESCHICHTE enthüllte das neue Straßenschild.

 

 

 
 

Kleines Fest für Namensschilder auf dem Bebelplatz

 

WEST. Wer war August Bebel? Zusatzschilder werden künftig Auskunft über den Namensgeber des Platzes geben. Am Donnerstag, 22. Februar, 14 Uhr, sollen sie feierlich enthüllt werden. Die Geschichtswerkstatt an der Albert-Schweitzer-Schule, die das Ganze ins Rollen gebracht und die Schilder gesponsert hat, der Ortsbeirat West und der Verein West laden dazu ein.

Vorderer Westen eingeladen

Die Bevölkerung des Vorderen Westens ist zu der kleinen Feier auf dem zentralen Stadtteilplatz eingeladen. Bislang sind im Vorderen Westen solche Zusatzschilder in der Meysenbugstraße und der Dingelstedtstraße installiert worden. Voraussetzung für die Anbringung solcher Schilder ist bei bereits bestehenden Straßennamen und –schildern das Engagement von Spendern. (els)" (HNA vom 20.3.2007)

 

   

 

Die WERKSTATT GESCHICHTE verband das mit ihrem letzten Projekt, bei dem es um Frauengeschichte (vgl. "Wege von Frauen") ging. Lisa Bindemann und Yasmin Heinemann machten die Gedankenwelt Bebels deutlich, indem sie aus seinem Buch "Die Frau und der Sozialismus" eine Passage vorlasen:

 

 

 

 

 

aus:

August Bebel, Die Frau und der Sozialismus

Wir leben im Zeitalter einer großen sozialen Umwälzung, die mit jedem Tage weitere Fortschritte macht. Eine stets stärker werdende Bewegung und Unruhe der Geister macht sich in allen Schichten der Gesellschaft bemerkbar und drängt nach tiefgreifenden Umgestaltungen. Alle fühlen, daß der Boden schwankt, auf dem sie stehen. Eine Menge Fragen sind aufgetaucht, die immer weitere Kreise beschäftigen, über deren Lösung für und wider gestritten wird. Eine der wichtigsten dieser Fragen, die immer mehr in den Vordergrund tritt, ist die Frauenfrage.

 

 

 

Bei dieser handelt es sich um die Stellung, welche die Frau in unserem sozialen Organismus einnehmen soll, wie sie ihre Kräfte und Fähigkeiten nach allen Seiten entwickeln kann, damit sie ein volles, gleichberechtigtes und möglichst nützlich wirkendes Glied der menschlichen Gesellschaft werde. Von unserem Standpunkt fällt diese Frage zusammen mit der Frage, welche Gestalt und Organisation die menschliche Gesellschaft sich geben muß, damit an Stelle von Unterdrückung, Ausbeutung, Not und Elend die physische und soziale Gesundheit der Individuen und der Gesellschaft tritt. Die Frauenfrage ist also für uns nur eine Seite der allgemeinen sozialen Frage, die gegenwärtig alle denkenden Köpfe erfüllt und alle Geister in Bewegung setzt; sie kann daher ihre endgültige Lösung nur finden durch die Aufhebung der gesellschaftlichen Gegensätze und Beseitigung der aus diesen hervorgehenden Übel. (…)

Nimmt man an, daß die bürgerliche Frauenbewegung alle ihre Forderungen für Gleichberechtigung mit den Männern durchsetzte, so wäre damit weder die Sklaverei, was für unzählige Frauen die heutige Ehe ist, noch die Prostitution, noch die materielle Abhängigkeit der großen Mehrzahl der Ehefrauen von ihren Eheherren aufgehoben. Für die große Mehrzahl der Frauen ist es auch gleichgültig, ob einige Tausend ihrer Geschlechtsgenossinnen, die den günstiger situierten Schichten der Gesellschaft angehören, in das höhere Lehrfach, die ärztliche Praxis oder in irgendeine wissenschaftliche oder Beamtenlaufbahn gelangen. Hierdurch wird an der Gesamtlage des Geschlechts nichts geändert.

 

Das weibliche Geschlecht in seiner Masse leidet in doppelter Beziehung: Einmal leidet es unter der sozialen und gesellschaftlichen Abhängigkeit von der Männerwelt - diese wird durch formale Gleichberechtigung vor den Gesetzen und in den Rechten zwar gemildert, aber nicht beseitigt - und durch die ökonomische Abhängigkeit, in der sich die Frauen im allgemeinen und die proletarischen Frauen im besonderen gleich der proletarischen Männerwelt befinden. (…)

Es handelt sich also nicht nur darum, die Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne auf dem Boden der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung zu verwirklichen, was das Ziel der bürgerlichen Frauenbewegung ist, sondern darüber hinaus alle Schranken zu beseitigen, die den Menschen vom Menschen, also auch das eine Geschlecht von dem anderen, abhängig machen. Diese Lösung der Frauenfrage fällt mit der Lösung der sozialen Frage zusammen. Es muß daher, wer die Lösung der Frauenfrage in vollem Umfange erstrebt, mit jenen Hand in Hand gehen, welche die Lösung der sozialen Frage als Kulturfrage für die gesamte Menschheit auf ihre Fahne geschrieben haben, das sind die Sozialisten.

Von allen Parteien ist die sozialdemokratische Partei die einzige, welche die volle Gleichberechtigung der Frau, ihre Befreiung von jeder Abhängigkeit und Unterdrückung in ihr Programm aufgenommen hat, nicht aus agitatorischen Gründen, sondern aus Notwendigkeit. Es gibt keine Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit und Gleichstellung der Geschlechter.