Wer war Helene Lange?

Unser Buch "Wege von Frauen" erregte einige Aufmerksamkeit in der Stadt.

  

Unsere Lesung zum Buch im Stadtmuseum veranlasste den Verein der Freunde des Stadtmuseums, Zusatzschilder an einer "Frauenstraße" zu finanzieren und uns die Wahl der Straße zu überlassen. Wir hätten gerne eine Kasseler Frau ausgesucht. Die Straßen nach ihnen haben aber bereits fast immer erläuternde Zusätze, da sie meist erst in der jüngeren Vergangenheit entstanden und benannt wurden. Nach einer kontroversen Diskussion entschieden wir uns für die Helene-Lange-Straße im Stadtteil Wehlheiden.

 

 

 

 

  In einer kleinen Einweihungsfeier, an der in erster Linie VertreterInnen der Stadt, des Archivs der deutschen Frauenbewegung (AddF), der Vereins der Freunde des Stadtmuseums (mit der Vorsitzenden Gabriela Wolff-Eichel und Klaus Beckenbach), aber auch die Anwohnerin und Lehrerin an unserer Schule, Frau Denkwitz, vertreten waren, wurde das Zusatzschild "feierlich" enthüllt.
Bindemann und HeinemannLisa Bindemann und Yasmin Heinemann machten die Anwesenden mit der auf dem Straßenschild gewürdigten Frau und ihren Leistungen vertraut. Sie lasen die von Yasmin Heinmann für das Buch verfasste Biografie der Frauenrechtlerin.
Straßenschild-enthüllungJost Ebeling, der schon das von uns finanzierte Schild auf dem Bebelplatz enthüllt hatte, war auch dieses Mal wieder der Mann für den entscheidenden Moment, den die HNA auf einem Foto fest hielt. Die Anwohner, von denen vermutlich viele gar nicht wissen, wer Helene Lange war, informierten wir durch ein in den Briefkästen verteiltes Flugblatt mit einem Text und einem Foto über die Namensgeberin.

 

aus unserem Buch:

Helene Lange
1848-1930
Pädagogin und Frauenrechtlerin
Helene-Lange-Straße - Wehlheiden

 

Eine "bahnbrechende Führerin der Frauenbewegung". So wird Helene Lange, das Symbol der Frauenbewegung in Deutschland, mitunter in wenigen Worten beschrieben. Sie wurde bekannt durch ihren Einsatz für die Rechte der Frauen, insbesondere für die höhere Mädchen- und Frauenbildung.

 

 

  Am 9.04.1848 in Oldenburg geboren, wurde sie nach dem Tod ihrer Eltern zur Vollwaise. Unter der Obhut ihres Vormundes schickte man sie für ein Jahr in ein protestantisches Pfarrhaus nach Württemberg. Dort erlebte sie einen derartigen Unterschied zwischen dem Bildungsweg der Männer und dem der Frauen, der sie dazu veranlasste, sich intensiv für die Erweiterung der Bildung für Frauen einzusetzen. Allerdings wurde ihr Wunsch, Lehrerin zu werden, anfangs nicht erfüllt, da ihr Vormund dies untersagte. Eine Stelle als Au-pair-Mädchen in einem Internat im Elsass bot ihr letztendlich aber doch die Chance, deutsche Literatur und Grammatik zu unterrichten. Neben dieser Tätigkeit bildete Helene Lange sich autodidaktisch in vielen Bereichen wie Philosophie, Geschichte, Literatur und Religionswissenschaften fort, um schließlich 1871 in Berlin eine Ausbildung zur Lehrerin zu beginnen.

Nur wenige Jahre nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin fand die engagierte Frauenrechtlerin, die zunächst - wie so viele - als Hauslehrerin gearbeitet hatte, eine feste Anstellung an der privaten Crainschen Höheren Mädchenschule. Ihr Leben stand fortan unter dem Zeichen des Kampfes für Mädchenbildung durch Frauen selbst. So engagierte sich Helene Lange unter anderem in dem "Verein deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen", gegründet von Auguste Schmidt und Marie Calm. Sie richtete 1887 in Zusammenarbeit mit anderen Frauen eine Petition an das preußische Unterrichtsministerium und Abgeordnetenhaus. In dieser Petition forderten die engagierten Frauen einen größeren Einfluss von weiblichen Lehrkräften an öffentlichen Mädchenschulen und eine staatliche wissenschaftliche Lehrerinnenausbildung.
Dabei ging es der Frauenrechtlerin allerdings weniger um die eigentliche Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sondern vielmehr um den gleichberechtigten weiblichen Beitrag zur kulturellen Entwicklung, die soziale Wirkung der weiblichen Persönlichkeit. So verlor sie ihr Ziel, die Unterrichtung von Mädchen durch Frauen - aufgrund der Ansicht, dass die lehrenden Frauen sich besser in das Wesen von Mädchen einfühlen könnten - auch dann nicht aus den Augen, als das Parlament die Petition ablehnte, sondern setzte ihre Bemühungen in privater Initiative fort.
Ein weiteres Projekt, welches Lange mit Hilfe von Minna Cauer und Franziska Tiburtius ab 1889 ins Leben rief, hatte großen Erfolg: Ab 1889 bot sie in Berlin "Realkurse" an, die aus-schließlich für Frauen bestimmt waren. Nur vier Jahre später wurden diese aufgrund des großen Erfolges in "Gymnasialkurse" umgewandelt. In diesen Kursen wurde den Mädchen ermöglicht sich auf Abiturprüfungen und sogar auf ein Studium im Ausland vorzubereiten. Dies war ein erheblicher Fortschritt in der Frauenbewegung, da bislang nur Männer Anspruch auf das Abitur und ein Studium hatten und Frauen dieser Weg bis zum damaligen Zeitpunkt verschlossen war. Der Höhepunkt ihres gesamten Lebenswerkes war deshalb die 1908 beschlos-sene preußische Mädchenschulreform, an der Lange ab 1906 beratend mitgewirkt hatte und die Frauen nun endlich das Abitur und Studium ermöglichte (vgl. Julie von Kästner).
Als Helene Lange im Jahr 1898 mit Gertrud Bäumer Bekanntschaft machte, fand sie in ihr eine Arbeits- und Lebenspartnerin. Beide arbeiteten von da an noch intensiver in der Frauenbewegung. Einen herben Schicksalsschlag erfuhr Helene Lange allerdings, als sie aufgrund einer schweren Erkrankung fast ihren Beruf aufgeben musste. Doch Dank ihrer Freundin Gertrud Bäumer gelang es ihr, die Krankheit so weit zu überwinden, dass sie ihre Tätigkeit als Lehrerin in der von Bäumer geleiteten sozialen Frauenschule fortsetzen konnte.
Helene Lange wurde mit der Eröffnung des passiven Wahlrechtes für Frauen auch politisch und parlamentarisch aktiv. 1919 wählte man die sozial engagierte Frau für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) in Hamburg in die Bürgerschaft. Nur kurze Zeit später eröffnete sie als Alterspräsidentin deren konstituierende Sitzung.
Helene Lange war Gründerin und Vorstandsmitglied vieler Vereine, die sich für die Rechte der Frauen einsetzten. So gründete sie 1890 den "Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein" (ADLV), welcher schon bald bis zu 10.000 Mitglieder zählte. Außerdem war sie von 1893-1921 im Vorstand des "Allgemeinen Deutschen Frauenvereins" (ADF) tätig und während dieser Zeit noch von 1894-1906 im Vorstand des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF) vertreten. Den Frauenvereinen, die die gesetzliche Gleichstellung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten, hielt sie vor, dass der "Epoche der Agitation" nun die "Epoche der Tat" zu folgen hätte. Nur die Frauen selbst könnten durch ihre eigene Leistung dieses Ziel erreichen. Wenn das Endziel erreicht sei, so Lange im Jahr 1904, dann "wird es kein führendes Ge-schlecht mehr geben, sondern nur noch führende Persönlichkeiten" (DBE).
Auch publizistisch war Helene Lange sehr rege. Ab 1893 brachte sie das zur damaligen Zeit äußerst wichtige Magazin der gemäßigten bürgerlichen Frauenbewegung heraus: Die Frauen-zeitschrift "Die Frau" fand bei ihren Leserinnen großen Anklang und war ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung.
Für ihre großen Verdienste wurde die als "Vordenkerin der gemäßigten deutschen Frauenbewegung" bezeichnete Helene Lange 1923 mit der Ehrendoktorwürde der Universität Tübin-gen ausgezeichnet. Bevor sie am 13. Mai 1930 im Alter von 82 Jahren in Berlin starb, erhielt sie 1928 die preußische Staatsmedaille für Verdienste um den Staat. Heute gilt sie als bedeu-tendste Repräsentantin des gemäßigten Flügels der deutschen Frauenbewegung. (YH)

 

Berichterstattung der HNA:

Helene Lange, Förderin der Frauen
Schüler der Albert-Schweitzer-Schule enthüllen Zusatzschild mit Informationen an der Straße

WEHLHEIDEN. Das Straßenschild der Helene-Lange-Straße im Stadtteil Wehlheiden hat ein Zusatzschild bekommen: Das Schild gibt Auskunft über die Lebensdaten und stichwortartig die besondere Rolle der Pädagogin. "Dieses Schild ist für jeden Bürger etwas Gutes, weil es einen Bezug zur Person auf dem Straßenschild herstellt und somit das Interesse weckt", sagt Gabriela Wolff-Eichel, die Erste Vorsitzende der Freunde des Stadtmuseums: Helene Lange (1848-1930) war ein Symbol der Frauenbewegung und des Liberalismus in Deutschland. Sie hat sich ganz besonders für Frauen- und Mädchenbildung eingesetzt.
Die Anbringung eines Zusatzschildes wurde von der Geschichtswerkstatt der Albert-Schweitzer-Schule (ASS) angeregt. "Da die Stadt die Anbringung dieser Schilder von finan-ziellen Zusagen abhängig macht, haben die Freunde des Stadtmuseums Kassel die Kosten von 50 Euro übernommen", so Klaus Beckenbach, Mitglied des Beirates der Freunde des Stadt-museums.
Lisa Bindemann und Yasmin Heinemann, beide Schülerinnen der Klasse 13 der ASS, haben vor Ort kurz über Leben und Wirken der Helene Lange berichtet. Nach der feierlichen Enthüllung wurden Info-Blätter über Helene Lange in die Briefkästen der Anwohner gesteckt. (pba)